Faszination: Vintage oder Warum wir aus unserer Welt flüchten

Wir sehen es seit einiger Zeit immer häufiger: Die alten Styles in der Moderne.

Männer und Frauen mit Smartphones in der Hand, aber frisiert wie in den 50ern.

Frauen, die vor dem Club in ihrem Kleinwagen vorfahren und aussehen wie aus einem 20er-Jahre-Stummfilm.

Männer im Hippielook, die auf ihren Tablet-PCs skypen.

Aktuelle Fashionplakate mit Farben, Schnitten und Styles der 60er und 70er.

SALE-Stände voller Jeansjacken, Oversizepullover, Neonfarben, etc.; wie damals in den 80ern.

Jede Dekade hatte ihre eigenen Modehighlights, Modesünden und modischen Erkennungbilder. Jeder kann beim ersten Blick sagen, welche Zeit das ist.

Was ist unsere modische Dekade? Was haben wir hervorgebracht? Wir tragen die alten Styles noch einmal neu auf.

Wir befinden uns in einer Gesellschaft der Wiederverwertung: Papier, Glas, Baustoffe..

Viele kennen es noch aus Kindheitstagen: Auftragen alter Klamotten.

Aber wir tragen nicht nur die Kleidung unserer großen Geschwister auf; wir beleben den alten Style unserer Mütter und Großmütter wieder.

Aber warum? In der Musik ist es mir schon vor längerer Zeit aufgefallen – Remixe, Cover, … irgendwann dachte ich mir: Haben die Künstler keine eigenen Ideen mehr? Gibt es nur eine begrenzte Anzahl kosmischer Kreativität und ist sie langsam aufgebraucht?

Verhält es sich auch so bei der Mode: gibt es keine Schnitte, Farben und Kombinationen mehr, die noch ausgedacht werden können?

1:1 sind die „alten Teile“ ja nicht übernommen – sie wurden modifiziert: hier ein aktuellerer Schnitt, da eine andere Form – im Grunde aber so belassen.

Wenn zu einem Outfit dann der Kommentar kommt: „Boah, hast du deiner Oma die Klamotten geklaut?“; „Das ist ja altbacken.“; „Na, wieder an Muttis Schrank vergriffen?“ lautet die Antwort meistens: „Das ist Vintage!“.

Trocken und voller Überzeugung: „Vintage!“

Jut… Vintage.. was zum Deibel issen Vintage, fragt sich da so manche Generation (oft selber vintage).

Vintage im allgemeinen meint den Retrolook – Mode vergangener Jahrzehnte (20/30er; 40er, […] bis hin zu den 70ern) – Retro ist alles, was halt schon vorbei ist.. „Vintage“ ist dabei oft ein Stempel: entweder sind die Sachen wirklich alt oder sollen alt wirken. „Fächerübergreifend“ aber nicht nur in der Mode.

Aber ist nun der alte Strickpulli aus Omas Schrank auf einmal „vintage“, wenn ich den anziehe?

Naja, ist es denn ein Designerteil? Hat der was besonderes an sich? Ist der denn überhaupt alt oder hängt nur „alt“ dran?

Vintage an sich ist schon mittlerweile eine eigene Stilrichtung – die Stilrichtung unserer Dekade? Vielleicht sollten wir uns an den Gedanken gewöhnen, dass wir nichts wirklich spannendes hervorbringen werden und uns daran erfreuen, dass wir Vergangenes nicht sterben lassen.

Der Mensch hängt an Erinnerungen; immer und jederzeit. Wir machen Fotos, wir schreiben Tagebuch, wir erzählen und erzählen und erzählen – alles nur, um Erlebnisse, Ereignisse, Dinge, Entdeckungen miteinander zu teilen. Wir und andere sollen sich daran erinnern.

Erinnerung ist eine Art Wertschätzung: Woran wir uns erinnern, scheint ja was gewesen zu sein!

Unsere Welt heute ist stressig, laut, dreckig, hell.. Es gibt Menschen die sich nicht langweilen können, weil sie keine Ruhe kennen. Es gibt Leute, die noch nie Sterne gesehen haben, weil die Städten in den sie leben und die sie nie verlassen einfach zu hell sind. Wir bewegen uns auf Generationen zu, die Bücher nur noch aus dem Museum kennen – Wählscheiben, Schallplatten, jetzt auch die Glühbirne – sie kennen sie nicht mehr.

Wer die Chance hat aus dieser Welt zu flüchten nutzt sie. Wir entwickeln alles mögliche neu und fort – die Technik rast! Ist die ausbleibende große neue modische Revolution eine Art Widerstand? Ist es nicht die ausbleibende Kreativität, sondern eine Art Stagnation? Wollen wir einfach mal kurz am Wegesrand der menschlichen Entwicklung halten und auf der Parkbank ruhen?

Wir können die Zeit nicht anhalten und schon gar nicht zurückdrehen. Wir können uns nur erinnern.

„Früher war alles besser!“

Ob dem so ist sei dahingestellt. Aber „Früher“ hatte so seine Vorzüge im Gegensatz zu „Heute“. Wir können schlecht mit dem Pferdewagen über die Autobahn fahren. Wir bekommen die Schallplatte auch nicht in das Autoradio. Wir können uns aber stylen wie damals, ohne dass es einen negativen Effekt auf das Hier und Jetzt hat. Wir können uns so fühlen wie damals – oder wie man sich damals vielleicht gefühlt hat. Einfach mal für eine von uns bestimmte Dauer woanders sein.

Wir können aber auch jederzeit zurück. Wir können uns von der Parkbank erheben und uns wieder in den immer schneller werdenen reißenden Fluss gen Zukunft stürzen ohne hinterherzuhängen. Wir bleiben nicht zurück, nur weil wir uns kurz eine Auszeit genommen haben.

Wir können mit der Mode vor, zurück oder stehenbleiben. Wir können ganz schön viel!

5 Gedanken zu “Faszination: Vintage oder Warum wir aus unserer Welt flüchten

  1. Was für ein super toller Text von dir. Es ist schon irgendwie traurig wie sehr der Mensch zeitabhängig geworden ist und vor allem wie abhänige wir von manchen Dingen doch sind(Handy,Mp3-Player,Laptop…usw.)Ich mag mir gar nicht vorstellen wie unsere Welt in 40-50 Jahren aussehen mag

  2. toller artikel! ich finde mich da gedanklich wieder. ich habe mich kürzlich dabei ertappt, wie ich einen mafiosi-film aus den 70er guckte und in einer szene dachte, „stimmt, die hatten da ja noch keine handys!“ und irgendwie habe ich dazu so ein gefühl der ruhe dabei verspürt (klingt komisch, aber weiß es nciht anders auszudrücken), also in der form, dass die leute sich damals eben andere mittel bedient haben oder auch einfach mehr ruhe hatte, weil nicht ständig dieser zeitdruck und diese hektik existent waren. nichts hat ständig nebenher gebimmelt oder gepiept. =)

    • ja, die zeit kommt nur leider nicht wieder.. ich bin ja glücklicherweise alt genug um noch die zeit ohne handy und internet für alle erlebt zu haben – einfach nach dem frühstück raus, drei häuser weiter, „darf der peter zum spielen rauskommen?“ – fertig…😀

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