Von Diktat bis Karaoke

1:15 Uhr – der Knall!!

Nicht nur ich, auch die anderen standen danach in ihren Betten. Was war das, wieso und kommt das wieder? Es sollte wohl ein Donner gewesen sein; danach grollte es noch zweimal – wie Gewitter Zuhause klang das allerdings nicht wirklich.

So wie sich unsere tiefen Töne und Laute für Asiaten böse anhören, klingt ihre Sprechweise für uns aufgeregt und aggressiv. Nicht nur Intonationen sind also unterschiedlich, auch das Gewitter klingt anders. Hoffen wir, dass es wirklich nur ein Gewitter war…

Montage sind hart – ausschlafen, Mittag essen und wenn eigentlich schon Feierabend ist los zum Chinesischunterricht. Das ist echt anstrengend. Das Diktat war ok, keine große Sache.

Am Abend stand Karaoke mit Leo auf dem Plan – Lust hatte eigentlich keiner von uns, aber wir hatten schon zweimal abgesagt – noch ein drittes Mal geht nun wirklich nicht.

Entgegen der Erwartungen wurde es aber ein wirklich lustiger Abend. Das KTV (die Karaokebar) ist ganz neu; hoch modern und unglaublich groß. Alleine auf dem Weg zur Toilette und zurück könnte man sich dreimal verlaufen.

Der erste Raum war wohl zu klein – für uns perfekt eigentlich – also gingen wir in einen größeren. Bobby und Leo orderten Getränke und kamen mit einem Kellner mit einem Einkaufskorb voller Bier zurück. Ich dachte zuerst der hätte auch für andere Räume Getränke dabei. Nein, der stellte alles auf unseren Tisch. 24 Bier – Junge, wir sind nur 5! Gut, das Bier in China ist nun eher Pullerwasser; mit 2,5 Umdrehungen tut sich da nicht viel – leer bekommen haben wir sie auf jeden Fall. 12 bezahlt, 12 geschenkt.

Die Songauswahl (auch an westlichen Liedern) war riesig und so schmetterten wir Hits wie Barbie Girl, Yellow Submarine oder Angel, gepaart mit aktuellen Hits. Die Jungs versuchten sich an Eminem, Kanye West oder den Black Eyed Peas. Leo sang uns sein liebstes chinesisches Lieblingslied und nach 3 Stunden, gegen exakt 22:35 Uhr endete unsere Musikkarriere.

Die übrigen 6 Bier wurden eingesackt; die Taxifahrt dauert immerhin gute 5 Minuten, und beim Taxifahrer schon im Voraus entschuldigt „Dui Buqi!“ [Dui Buudschi].

Auf der Suche nach ein paar späten Snacks wurde uns die Bedienung in den kleinen Lädchen an der Straße untersagt; wollten die Herrschaften doch ernsthaft eine Stunde nach offizieller Schließzeit Feierabend machen…

Unser Wohnheim hat einen kleinen Durchschlupf. Schließzeit ist 22:30 Uhr, da werden die Türen mit Fahrradschlössern verriegelt – da klingeln bei mir als ehem. Feuerwehrfrau im Falle eines Brandes sämtliche Alarmglocken; aber wir sind nunmal in China… die Tür zum Treppenhaus auf der hinteren Seite ist auf unserer Etage verriegelt. Wir können aber durch den Seiteneingang über die Treppe bis in die dritte Etage laufen, dort ist die Tür offen und dann im Haus das andere Treppenhaus wieder runter zu uns in die erste Etage nehmen – Gott bewahre uns vor sämtlichen Bränden, Giftgasanschlägen und anderen massenpanikfördernden Ereignissen! Die Wohnheime der anderen Studenten sind zu. Kein Schlupfloch. Leo hat sich aber sowohl mit dem Pförtner, als auch den Mädels aus der ersten Etage gut gestellt. Sollte der Pförtner ihn mal nicht reinlassen, kann er immernoch über den Balkon klettern – Bewegungsmelder gibt es hier übrigens auch. Rauchen unsere Jungs zu spät auf dem Balkon noch stehen sofort ein Wachmann und eine Tante von der Rezeption vor der Tür und belegen uns wahrscheinlich mit den schlimmsten Flüchen, die die chinesische Sprache kennt – oder sie sagen einfach nur „Weg da“ – das ist bei deren Tonlage und Intonation immer nicht so ganz zu erkennen.

Wir trafen Leo zufällig am Dienstag zum Mittag und es ging wohl alles gut. Keine Probleme noch nach Schließzeit reinzukommen. Er war so lieb mit mir im Supermarkt nach Hustenbonbons zu schauen. Ich hatte bei Facebook das Bild von den Tabletten gepostet und Leo meinte, das seien die falschen gewesen. Die gute Frau hat mir Tabletten zur Prävention und nicht zur Behandlung von Erkältungen gegeben – kein Wunder, dass die nicht gewirkt hatten. Im Alleingang kaufte ich im Markt Lakritze statt Hustenbonbons – das sah aber aus wie ne Eukalyptusbonsverpackung.. ich hasse Lakritze, die hat der DJ bekommen.

Das bisschen Karaoke wird für die Stimme nun auch weniger förderlich gewesen sein; aber hey, wir klingen dank dem Smog eh alle wie Bonnie Tyler.

Es galt mal wieder eine neue Mensa auszuprobieren und es scheint, wir haben die richtige für uns gefunden: heißes Essen! Würziges Essen! Die Nudeln sind so frisch.. die werden im Hintergrund von den Köchen erst gedreht, kommen dann direkt in den Topf und daraus direkt auf den Teller.. dann gibt es so eine Art Hackfleisch in rötlicher Sauce – schmeckt wirklich gut und wir bilden uns einfach ein es sei Bolognese – Ähnlichkeit hat es. Das beste daran: die Mensa ist bis 20:30 Uhr geöffent – hier ist zwischen 16:30 und 18:00 Uhr Abendbrotzeit und nach 17:00 Uhr gibt es eigentlich auch nicht mehr wirklich etwas. Zu unserer üblichen deutschen Dinnertime blieb uns immer nur die Fressstände an der Straße zu bemühen und uns das ziemlich fettige Fast Food einzuhelfen. Wobei es mir das Knoblauchbrot echt angetan hat..

Die Obststände hier sind super – ganz frisch, ganz lecker und wenn regional auch ganz preiswert. So langsam hängt mir das Obst aber auch ein bisschen zum Hals heraus.

Ich weiß nicht mehr, was ich essen soll. Das geht nicht, weil ih.. das andere geht auch nicht, weil nicht kaubar; im nächsten weiß ich nicht was drin ist und das noch andere gab es nun schon viel zu oft.. Wir haben einen Carrefour am Westlake ausgemacht – ein Supermarkt der viele Importe (auch aus Deutschland) vertreibt. Leider ist es schon ein ganzes Stück bis dorthin und wir brauchen etwas mehr Zeit. Ich dachte mit Haferflocken, Obst und Joghurt ganz gut fahren zu können zum Frühstück, aber leider ist dem nicht so. Die Haferflocken sind Fertig-Porridge mit massig Zucker; andere Haferflocken habe ich noch nicht gekauft. Der Grund: die Milch. Ich finde nur Kuhmilch und Kuhmilchjoghurt und habe von meinem Bäuchlein schon die Schelte dafür eingesackt. Das Obst ist eigentlich auch nur Zucker und das meiste kann ich, wie in Deutschland, nicht essen.. so landet der ein oder andere Apfel auf dem Teller mit dem Wissen, wieder stundenlang ein Jucken in der Gusche zu haben. Aber was soll ich machen? Die Variante gefällt mir immer noch besser, als dieses unglaublich süße und ekelhafte Brot jeden Morgen zu essen. Warten bis zum Mittag in der Mensa ist auch keine gute Taktik. Früh eine Banane und dann das unbefrieidgende Mensaessen.. danach verlangt mein geschundener Hals nach einem Eis und Nachmittag stellt sich der Hunger wieder ein und verlangt nach etwas brauchbarem.. Knoblauchbrot oder gebratener Reis.

Dazu kommen die Getränke – ich trinke hier generell viel weniger als in Deutschland und auch viel mehr Brause. Durch das geschmacklose Essen ist es mir fast jedes Mal ein Graus das geschmacklose Wasser zu trinken und so landen Sprite und Cola, Saft und Getränke mit Farben und Geschmäckern die ich nicht kenne in der Einkaufstüte.

Ich bin froh keine Waage hier zu haben. Ich fühle mich aufgedunsener als ein Luftballon auf einem Kindergeburtstag.

Ich werde mich intensiver mit der Recherche nach für mich brauchbaren und verträglichen Lebensmitteln befassen müssen, sonst bekomme ich hier bald geringfügige Probleme – passen die Klamotten nicht mehr, wird es schwierig hier neue zu bekommen.

Solang die Erkältung nicht weg ist, kann ich auch nicht zum Sport gehen. Die Mädels und Jungs haben sich im Fitnessstudio angemeldet und gehen fleißig hin – das würde ich ja auch gern tun, nur geht das so leider nicht.

Ich hoffe auf eine baldige Gewöhnung meines Körpers an die neue Umgebung und Geistesblitze am Ernährungshimmel.

Die ständigen Wetterwechsel schlagen sich ebenfalls auf unsere Stimmung nieder. Den einen Tag sind es 27 Grad und strahlender Sonnenschein und am Mittwoch wieder kalt und Regen. Es regnet etwa einmal in der Woche den ganzen Tag. Das hat mich jetzt dazu bewogen einen Regenschirm zu kaufen. Außerdem habe ich im „Woohooo“-Markt Sportschuhe gekauft und eine neue Ladung Hustenbonbons. Ich stand mit Th. eine ganze Weile vor dem Milchregal um herauszufinden, was davon laktosefreie oder Sojamilch ist – von wegen, die Chinesen sind alle laktoseintolerant.. die Milchlobby ist seit einiger Zeit kräftig am kurbeln den Chinesen Kuhmilch anzugewöhnen um die Bildung des nötigen Enzyms bei Kleinkindern zu fördern und so China als neuen Absatzmarkt gewinnen zu können. Wo wir nun allerdings Milch für uns herbekommen ist ein weiteres Rätsel, dass es noch zu lösen gilt.

Zum Abendessen gab es Ananas und MasterCard. Wir Mädels haben den Flug nach HongKong gebucht. Im April soll es von Donnerstag bis Montag in den Süden gehen. Nervenaufreibende Sache! Flüge für 199,00 Euro – ja, buchen – nein, nicht mehr verfügbar – warum stehen die denn dann da so – wie gemein – Flüge für zu teuer – noch gemeiner – Flüge zu anderen Zeiten – voll doof – Flüge an anderen Tagen – auch zu teuer – wie lange können wir in der Schule fehlen – Flüge zu doofen Zeiten an doofen Tagen zu doofen Preisen – wieso sind Inlandsflüge hier denn so krass teuer – Flug zu guter Zeit an anderem Wochenende einen Tag länger für 189 Euro – BUCHEN!!! Klammheimlich ein langes Mädelswochenende gebucht; mal sehen wie lange heimlich und ob sich die Jungs noch einklinken – dann müssen die aber selber buchen!

Zum krönenden Abschluss des Tages wieder ein bisschen Hank Moody – die dritte Staffel Califonication ist übrigens total bescheuert.. hätte man streichen können.

Donnerstag startete mit einem kleinen Aufreger. Wir leben nicht im internationalen Studentenwohnheim, sondern im GuestHouse – einer Art Hotel. Dementsprechend gibt es auch einen Zimmerservice. Einen Service über den wir uns seit dem ersten Tag aufregen. Wann was gemacht wird haben wir noch nicht erkennen können – mal wird gewischt, mal die Betten gemacht, mal nur der Mülleimer geleert, bei manchen jeden Tag, bei anderen manchmal eine Woche gar nicht, mal früh, mal mittags, mal abends.. auch am Wochenende. Es ist auch uninteressant, ob wir noch in den Betten liegen oder nicht. Bei den Jungs stand sie einfach vor dem Bett, winkte mit dem Laken und zog an der Bettdecke..
Normalerweise läuft das ja so: Klopfen, Antwort „nein“ und wieder los.. hier kann man zehnmal „bù“ sagen, das ignorieren die einfach. Die schließen einfach auf und stehen dann im Zimmer. Ich war grade aufgestanden und dabei mich fertig zu machen, nackt und Madame interessierte das gar nicht. Seit 1,5 Wochen hat sie nicht mehr bei mir gewischt und genau dann fällt ihr ein, sie müsse noch wischen. Mal davon abgesehen, dass A die grausige Entdeckung gemacht hat, wo sie das Wischwasser für das Bad hernimmt – einen Eimer hat sie nämlich nicht dabei. Glücklicherweise haben wir aber breite Kloschüsseln… *schüttel* Das erklärt dann auch warum das Zimmer immer dreckiger ist als vorher wenn sie hier „geputzt“ haben.. ich musste mein Waschbecken auch erstmal wieder putzen; vorher war das sauber.

Andere Länder, andere Sitten, nicht wahr? Das lernte wir dann auch in „Chinese History & Culture“. Wir begannen mit Chinese Food Culture und unser Dozent weihte uns erst einmal ein, warum in China alles gegessen wird. Eigentlich total logisch: bis vor 20 Jahren gab es nicht genug zu Essen für die Menschenmassen in diesem Land und so musste, wer hungrig ist und satt werden möchte, essen was er findet. Es gibt die „waste not, want not“-Einstellung – also stelle keine Anprüche und verschwende nichts. Diese besagt, dass jede Plfanze, jedes Tier und jeder Teil davon gegessen wird. Danach schlüsselten wir das Land in die 8 verschiedenen Esskulturen auf – wer mal Katze essen möchte muss dazu in den Süden fahren. „Sie essen in Ihrem Land doch Aal, wieso also nicht auch Schlange? Franzosen essen doch Gänsestopfleber, warum also Naserümpfen bei Hühnerleber, Schweineleber, etc.?“ – so seine Ausführungen. Recht hat er ja. Sonntagnachmittag sollten wir mal Downtown in die so genannte „Foodstreet“ fahren – ähnlich der kleine Fressmeile die wir aus Peking kennen, mit allerlei Getier, gebraten, gedünstet, Gemüse, Beilagen, was die chinesische Küche so zu bieten hat.

Wenn wir denn Zeit dazu finden, machen wir das auch mal. Entgegen den anderen Gruppen aus den letzten Jahren, werden wir nämlich mit Arbeit zugemüllt. Letztes Jahr gab es ein paar kleine Zwischenfälle, wodurch dieses Jahr alles etwas anders läuft. Offenbar möchte man durch Hausaufgaben versuchen, uns die Freizeit so gering wie möglich zu halten um nicht auf dumme Gedanken zu kommen. Wir haben aber mehr Gedanken die Gegen zu erkunden, wozu uns leider nicht so viel Zeit bleibt. Spontantrips sind eigentlich nicht möglich und auch unsere Fahrt nach Shanghai wurde ja nun schon mehrmals verschoben. Hongkong ist jedenfalls schon einmal gebucht und Shanghai steht zu Bobbys Geburtstag ganz oben auf der Liste.

Ich habe also den ganzen Donnerstagnachmittag damit verbracht meinen Report über die Erhöhung des Verteidigungsetats in China zu schreiben; am Wochende wird dafür wieder keine Zeit bleiben, bzw. habe ich nicht vor mein Wochende damit zu belasten und Mittwoch müssen wir ja schon abgeben. Ich bin mit ach und krach auf meine 1.000 Worte minimum gekommen. Wie kritisch sollte man in diesem Land wirklich werden?

Zwischendrin verschlug es mich auf die Straße. Ich wollte noch etwas Süßes. Beim Bäcker habe ich also einen Schokokuchen gekauft – wunder, oh wunder, es war kein Schokokuchen. Es erinnerte von der Konsistenz her an eingeweichten Gummi, schmeckte nicht nach Schokolade und machte die Zähne stumpf..

Das Toast mit dem Ei darin lachte mich an und meinte, mein Frühstück für Freitag sein zu wollen. Da bin ich ja mal gespannt ob und vor allem wie das gute Stück schmeckt. Hoffentlich nicht wie der Kuchen. Ich muss gestärkt zur Schule gehen, denn wir haben etwas verkürzten Unterricht um Mittag dann einen Ausflug machen zu können – Kultur steht auf dem Plan.

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5 Gedanken zu “Von Diktat bis Karaoke

  1. Deine Ausführungen zum Essen bestärken mich immer mehr eine große Grillparty zu veranstalten, wenn du wieder hier bist. Du bekommst auch die größte Bratwurst😉
    Wir wünschen Dir viel Spaß in Hongkong. Genieße es!

  2. Hui, das klingt ja cool, der Trip nach HongKong! Wünsche schon mal viel Spaß.
    Und weiterhin gute Besserung!
    Also, das eingeschweißte Ei würde mich schon etwas skeptisch machen. Wer weiß, wie sie das haltbar machen. Majmmmjamm. 😉

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