Pro Ana Tipps

Diesen Suchbegriff sehe ich öfter.. und in letzter Zeit immer häufiger. Das macht mich ein bisschen traurig, weil ich weiß, dass da ein junges Mädchen hinter sitzt, dass Pro Ana für einen guten Weg hält.

Für alle die es nicht kennen: „Pro Ana“ beschäftigt sich damit Menschen einen Weg zu zeigen, wie sie einfach, schnell und ohne Aufmerksamkeit zu erregen Gewicht verlieren können. Pro Ana steht dabei für: Pro = Für und Ana = Anorexia; Anorexia ist der Fachbegriff für Magersucht. Bei Pro Ana bilden die Betroffenen eine Community und geben sich Hilfen und Hinweise zur perfekten Durchführung dieser „Lebensweise“.
In Deutschland gibt es etwa 270 offizielle Pro Ana Websides; ich bin mir sicher im Dunklen sind es noch viel mehr; mehr als man vermuten würde. Man kann diese Webside leider nicht verbieten; im Netz findet man jegliche Form von Extremismus und für mich ist Pro Ana eine Form davon: der Extremismus in gesunheitlicher Sicht. Es ist negativ; es schadet Menschen; es ist nicht der richtige Weg.

proana

Mich schocken schon die Fotos auf Pinterest immer, bei denen eigentlich tolle Mädchen mit super Figuren Vorher-/Nacherbilder posten; nachher eindeutig zu dünn. Magersucht hat nicht immer nur mit „einfach nichts mehr essen“ zu tun; es ist oft auch davon begleitet das bisschen was gegessen wurde durch Sport wieder abbauen zu wollen. Es werden Fitnessprogramme propagiert mit Ernährungsanleitungen die kein Experte abgesegnet haben kann.

Wie eine Art Motivationbibel dient die „Thinspiration“ – das Wort sagt es schon. Thin = dünn + Inspiration. „Thinspiration“ liefert wie eine Sekte Schlagwörter und Phrasen wie: „Make them regret the day they dared call you fat!“ – Lass sie den Tag bereuen an dem sie es wagten dich fett zu nennen. „Nothing tastes as good as skinny feels“; „Think befor you eat“ oder „Keep calm – and the hunger will pass“. Es finden sich Fotos unzähliger Mädchen, die absichtlich ihre Knochen hervorheben. Diese herausstehenden Knochen sind ein Schönheitsideal, ebenso wie ein möglichst großes „Thigh Gap“ – selbst im Wörterbuch findet man darunter die Definition „angebliches Schönheitsideal“. Je weiter die Oberschenkel voneinander entfernt sind, je größer die Lücke, desto „schöner“. Wer die Beine nicht einmal mehr schließen kann, hat es geschafft.

Das Problem an diesen Bildern sehe ich in der Vergleichbarkeit. Oft werden Mädchen fotografiert die von natur aus sehr dünn sind; einen sehr schmalen Körperbau haben und die nicht sofort als offensichtlich mager erkannt werden können. Die Knochen stehen nicht übermäßig hervor, sie sind oft recht muskolös, die Posen werden absichtlich vorteilhaft gewählt. Ein normalgebautes deutsches Mädchen hat sehr selten diesen Körperbau, so dass viele vor Erreichen dieser schmalen Oberschenkel, dürren Arme, flachem Bauch und der guten Thigh Gap ernsthaft erkranken.

Anorexia ist eine tödlich endende Krankheit; es ist kein Lifestyle! Es ist kein Ideal! Es ist eine Suchterkrankung und bei Pro Ana sind sich die Mädchen dessen durchaus bewusst. Magersucht hat viele Formen. Pro Ana Anhänger wissen, dass sie magersüchtig sind, möchte aber ihre Ideale erreichen. Dieser Drang „so“ auszusehen, die Kalorien zu zählen, die Krankheit zu vertuschen, sich selbst zu beweisen wie weit man seinen Körper und Geist bringen kann, „besser“ und disziplinierter zu sein als anderes, usw. sind suchtauslösende Faktoren. Nur weil ein Mädchen sich für Pro Ana entschieden hat und weiß, dass es krank ist, kann es nicht einfach aufhören. Es kann nicht einfach die ganze Stulle essen ohne soviel Belag wie möglich abzukratzen, soviel wie möglich zu krümeln.

Pro Ana hat fatale Folgen. Angefangen beim Nährstoffmangel bis hin zum kompletten körperlichen Abbau, gefolgt vom Tod durch Organversagen werden auch Charakter und Geist verändert. Die Prioritäten im Leben werden neu gesetzt: Essen gehen mit Freunden hat vorher viel Spaß gemacht, es war ein toller Abend – gibt es nicht mehr, sie würden etwas sagen (wenn sie gute Freunde sind), man müsste sich rechtfertigen,.. Familienfeiern werden schlimmer als vorher ohnehin schon – wie der Oma erklären, dass man den Kuchen, den man so geliebt hat und den sie extra für einen gebacken hat nicht anrühren wird? Der ständige Vergleich mit den Fotos im Internet; den Mädchen in der Community; allen die besser sind, schneller abnehmen, schönere Körper haben, das ist psychischer Stress der ganz schlimmen Sorte. Die Mädchen beginnen sich selbst zu belügen um sich weiter zu motivieren. Sie sind der Herr über ihren Körper, sie entschieden was gut und was schlecht ist, sie haben allen gezeigt, dass sie nicht „fett“ sind.

Aber Schaden entsteht nicht nur körperlich und seelisch für die Magersüchtigen, sondern auch für alle im Umfeld. Familie und Freunde, vor Allem die Eltern erleiden Höllenqualen. Einem Menschen, seinem eigenen Kind, dabei zusehen zu müssen wie es sich selbst bewusst (!) zu Tode hungert kommt Folter gleich und dessen sollte sich jeder bewusst sein. Ihr fügt jedem dem Ihr etwas bedeutet unglaubliche Schmerzen zu! Es sorgt dafür, dass sie verzweifeln. Sie wollen Euch helfen, können aber nicht.

Hilflosigkeit ist das was diese Mädchen in die Sucht treibt. Die Hilflosigkeit nicht mit den äußeren Einflüssen umgehen zu können. Und das wollt Ihr Euren Lieben antun? Kein Mensch ist stark genug einem geliebten Menschen beim Sterben zuzusehen.

Ihr habt vielleicht, mit viel Ehrgeiz und Glück, ein paar gute Jahre. Ein paar wenige gute Jahre in denen Ihr so ausseht, wie es angeblich gewollt ist; in denen Ihr „perfekt“ seid; fit und Vorbild für Pro Ana Anfänger. Dann wird allerdings der Moment kommen an dem sich Euer Körper rächt. Er wird versagen, Ihr werdet krank, es wird Euch schlecht gehen – extrem schlecht. Ihr habt Euch dafür entschieden das schlechte Gefühl „zu dick“ zu sein einzutauschen gegen das furchtbare Gefühl seinen eigenen körperlichen Verfall nicht mehr aufhalten zu können.

Ihr werdet Euch von Euren Träumen (Familie, Reisen, Karriere – Selbstverwirklichung in jeglicher Form) verabschieden müssen. Pro Ana ist keine Selbstverwirklichung; Pro Ana formt Euch keinen starken Charakter; Pro Ana verschafft Euch kein Ansehen; Pro Ana erzeugt Euch keine Liebe.

Pro Ana zu beginnen und durchzuziehen erfordert eine unglaubliche Disziplin – Pro Ana wieder zu verlassen fordert jedoch noch viel mehr. Wer für diesen „Lifestyle“ bereits alles aufwenden muss, was er kann, wird sterben. Nur wer noch Reserven hat kann gegen die Krankheit ankämpfen.

Zur Verdeutlichung:

In den letzten Jahren gab es durchschnittlich 6.500 Fälle von diagnostizierten Fällen – das heißt, sie wurden durch einen Arzt oder ein Krankenhaus aufgenommen. Das sind die wenigstens; das sind die, die noch klein genug sind um von ihren Eltern in eine geschlossene Klinik zwangseingewiesen zu werden oder die das kleine Stück Reserve besitzen sich selbst wieder aus diesem Teufelskreis zu befreien. Geschätzt werden nahezu 250.000 Fälle (Anorexia; Bulemie u.ä. nicht einbegriffen!). Die häufigste Todesursache bei Mädchen und Frauen zwischen 11 und 30 Jahren ist die Magersucht – fast jede 5. stirbt. In den letzten 10 Jahren haben sich die Todesfälle verdoppelt. Etwa 10% aller Mädchen haben ein schlechtes Gewissen beim Essen; egal was sie essen.

Pro Ana gewinnt rasant an Anhängern und es ist schrecklich! Wir werden alle sterben und daher müssen wir das Leben genießen – Pro Ana hält jeden Betroffenen davon ab. Der Moment an dem das Leben genossen werden kann liegt in der Ferne und ist das Ziel, aber es wird nie erreicht. Macht Euch bewusst, was Ihr habt und was Ihr wollt – schaut in die Zukunft und auf die Folgen; informiert Euch umfassend; lest die grausamen Geschichten ehemaliger magersüchtiger Frauen und nicht nur die „Erfolgsgeschichten“. Macht Euch bewusst, dass „ach ich hör einfach auf“ nicht geht und auch wenn Ihr es schafft, für die meisten eine Folgeerkrankung Alltag wird – entweder Depressionen, gesundheitliche körperliche Gebrechen durch die Tortour oder auch der lebenslange Kampf nicht wieder in die Magersucht zu verfallen.

Macht Euch alle Aspekte von Pro Ana bewusst und holt Euch nicht nur „Tipps“. Denkt nicht bevor Ihr esst, denkt bevor Ihr hungert!

Quelle: alltreatment.com

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10 Gedanken zu “Pro Ana Tipps

  1. Hallo liebe Romy,
    Danke, dass Du dieses wichtige Thema ansprichst! Auf dem Schulfest Anfang des Monats war ich wirklich erschrocken, wie einige der Mädels aussahen. Als ich eine Lehrerin darauf ansprach, sagte mir diese, dass sie inzwischen eine Beratung eingerichtet hätten, und die Kids auch direkt ansprechen. Es ist aber sehr schwierig, da dabei eine komplette Wahrnehmungsverschiebung stattfindet.
    Ich kann nur hoffen, dass ich bei Line und ihren Mädels mit dem, was ich ihnen an Lebensfreue und Freude am Genuss mitgebe, die richtigen Weichen stelle.
    Liebe Grüße,
    Catou

    • ja, leider sehe ich das auch immer wieder wenn ich so 12 – 14 jährige mädels sehe; besonders im sommer am strand ist es aufgegfallen.

      wir hatten damals auch eine engagierte lehrerin die auf der klassenfahrt bemerkte, warum das mädchen immer dünner wurde und sie hat nich aufgegegen – heute ist sie wieder gesund. aber es war noch etwas seltenes, wenn man ein magersüchtiges mädchen in der klasse hat – sie war glaube ich sogar die einzige der schule; aber heute..
      ich denke es ist immer wichtig mir den mädchen darüber zu reden, offen und ihnen zu erklären, warum diese mädchen nicht „toll“ und „cool“ und „wunderschön“ sind – es ist wie mit allem: bewusstsein muss geschaffen werden. aber ich denke du würdest merken wenn sich da bei line was einstellt; ich glaube dass es nur bei den eltern schwierig ist die den rückzug ihrer kinder hinnehmen und als pupertäre phase abtun und sich nicht zu helfen wissen oder die einfach selten zuhause sind; sind sie da ist das kind weg, usw…

      ich habe eine freundin die unter ihrer mutter ziemlich zu leiden hat – seit ich denken kann ist diese familie auf diät. der vater geht heimlich wenn zu seinen kunden fährt an der pommesbude eine currywurst essen und die große schwester hat schnell das weite gesucht. ihr wurde immer eingeredet sie sei zu dick, hat sich dann gut verwachsen; sie hat eine tolle figur, aber eben so ein ganz natürliches frauliches unterbäuchlein – was man ja nicht wegbekommt, das ist halt so; aber da wird ihr eingeredet sie sei zu fett. da hatten wir auch schwer zu tun ihr zu erklären, dass dem nicht so ist – wir als 16 jährige mädchen, nicht ihre mutter…

  2. Toller Artikel – wobei ich ehrlich zugeben muss, dass ich geschockt bin.
    Ein Hype über diesen Teufelskreis???? Ich habe selber daran gelitten und durch eine (wahrscheinlich) dadurch bedingte OP im Hals die Notbremse gezogen…. Bzw. der Anästhesist hat mir dazu sehr deutliche Worte mit auf den Weg gegeben….. Auch heute muss ich selber aufpassen, dass ich nicht wieder „abrutsche“. Aber der Blick in die Gesichter meiner Kinder halten mich davon ab.
    Auslöser bei mir waren emotionale/psychische Probleme – ich möchte dahin nicht zurück!
    Liebe Grüße
    Anke

    • halle anke, schön dass du die umkehr geschafft hast.

      ja, leider ist dieses bild „it’s not a diet, it’s a lifestyle“ realität – viele halten das wirklich für einen lebensstil; für eine art sein leben zu führen; hungern und sport als den weg dem schönheitsideal nachzukommen und leider wird es immer populärer.. wir können nur hoffen, dass es genauso schnell verschwindet wie es wieder gekommen ist.

  3. Ein sehr interessanter Artikel. Meine Kollegin, die mir direkt vis a vis am Schreibtisch sitzt, ist magersüchtig. Sie wiegt 37 kg. Arbeitet 4 Stunden täglich, weil das von ihren Ärzten so festgelegt wurde, damit sie mittag zuhaus ist und essen kann. Was sie tut, allerdings laut eigener Aussage mehr als wenig. Das erste was sie morgens im Büro jeden Morgen zu sich nimmt, ist ein Re. Bu.l. Und sie trinkt sehr viel, allerdings alles zuckerfrei. Und wundert sich über dauernde Magenschmerzen. Ich weiß nicht wie viele Klinikaufenthalte bis zu 9 Monaten sie schon hatte, es bringt alles nichts.
    Wenn es so ist, wie gesagt wird, daß diejenigen sich trotz extremst wenigen Kilos noch dick fühlen und auch so sehen wenn sie in den Spiegel schauen, dann werde ich für sie wohl wie ein Elefant aussehen mit meiner Kleidergröße 46/48.
    Ganz ehrlich dann doch lieber ein wenig propperer aber gesund, oder?
    Liebe Grüße
    Doro

    • genau das hatten wir heute auf arbeit auch „lieber ein paar kilo mehr, aber fit“..

      ich habe in psychologie mein abi geschrieben und wir hatten magersucht auch als unterrichtsthema mit einem film, der mehr als erschreckend war – die mädchen in der klinik schilderten ihre wahrnehmung und sie sehen das problem wirklich nicht. aber auch wenn sie es sehen, können sie nicht einfach anfangen zu essen – es ist wie ein entzug: drogen oder alkohol von jetzt auf gleich weglassen geht nicht oder nur unter schlimmen qualen; ist aber einfacher als mehr zu sich zu nehmen.. ein bissen weniger ist einfacher als ein bissen mehr zu sich zu nehmen..

      ich finde immer wichtig, dass solche frauen und mädchen einen starken menschen an ihrer seite haben um ihnen klar zu machen, dass sie nicht alleine da durch müssen – aber si viel zeit und kraft muss man auch erst einmal haben.

  4. gut, dass Du das Thema aufgegriffen hast!! die Verabschiedung von falschen Schönheitsidealen und eine vernünftige Auseinandersetzung damit sowie mit dem Thema Essen ist immens wichtig – und geht auf verschiedenen Wegen (und in verschiedenen Richtungen) uns immer mehr verloren.

    • leider hat sich ein richtiger hype darum entwickelt und das ist es was mich etwas erschreckt..

      ich frage mich auch immer wie eltern das nicht mitbekommen können oder wie sie es schaffen so lange zu warten, eh sie etwas tun..

      wenn ich aber teilweise sehe wie die mütter heutzutage aussehen und welchen idealen sie nachjagen, wundert es mich nicht, dass die töchter keinen gesunden umgang mehr mit dem thema haben..

      aber natürlich können wir sie nicht alle über einen kamm scheren..

      • hmm… warum es die Eltern nicht mitbekommen? ich weiß nicht, wenn ich da an meine Jugend denke, ich war auch ganz gut da drin, Dinge zu Hause zu verstecken. und wenn man sich dafür entscheidet, weiß man doch im Grunde auch, dass es nicht gut oder zumindest nicht akzeptiert ist. da werden die betroffenen sehr viel Energie rein stecken, dass sie unbehelligt bleiben von guten Ratschlägen. und wenn man es dann sieht/sehen kann ist es ja oft schon zu spät

        ich glaube den Vorwurf muß man sich dann als gesamte Gesellschaft gefallen lassen. und dann auch schon fragen „warum haben diese Mütter diese komischen Ideale?“ und „warum sind das keine Einzelfälle?“ – ist das nicht auch der Allgemeine-Optimierungs-Wahn unserer Zeit?

      • leider ja und dann gibt es kampagnen von zeitungen wie vogue gegen pro ana.. vogue? auf der einen seite ist die anti ana kampagne und blätterst du eine seite weiter.. hallo ana-reiz!

        das schlimme ist ja, dass es bei den tipps nicht nur um tipps zum abnehmen geht, sondern auch wie man das am besten vertuschen kann und sie sind leider wirklich kreativ.

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