{Lifestyle} Diskriminierung

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Dis-kri-mi-nie-rung: Die Abgrenzung und Herabwürdigung bestimmter Personengruppen.

Wir kennen sie alle, die Diskriminierung: schwarze Menschen dürfen im Bus nur hinten sitzen, Frauen dürfen nicht wählen, Kleinwüchsige sind die Attraktion auf dem Jahrmarkt. Glücklicherweise haben wir diese Formen der Diskriminierung hinter uns gelassen (oder zumindest größtenteils). Doch es gibt noch viele andere Formen, die uns so vielleicht gar nicht sofort auffallen.

Ich möchte hier auf die Diskriminierung gegen dicke Menschen eingehen. „Dicke Menschen werden diskriminiert? So ein Quatsch! Wer sagt das denn? Die sollen sich mal nicht so haben!“

Manchmal sind es die kleinen Sachen. Kinder sind grundsätzlich ehrlich und sagen und zeigen, wenn ihnen jemand nicht passt. Erwachsene tun das nicht. Sie finden andere Wege. Es gibt Erwachsene, die sich nicht schämen und dicke Menschen ganz offen angreifen. Sie sagen so laut, dass er oder sie es hören muss, etwas dickenfeindlichen. Brüskieren sich darüber, wie dick der Mensch doch ist. „Oh Gott, wenn das Mädchen jetzt schon so fett ist..!“ – „Na, den Schokoriegel sollte sie jetzt aber mal lieber nicht essen!“ – „Oh oh, pass bloß auf, gleich bricht das Fitnessgerät zusammen!“ Oft fühlen sie sich dabei besonders witzig und manchmal sind sie auch ernsthaft der Meinung, soetwas sagen zu dürfen.

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Vor einiger Zeit erschien bei Brigitte online ein Artikel über die Curvy ist sexy-Messe und die Arbeit der Plus-Size-Bloggerinnen – ein netter, kurzer Artikel; lest ihn ruhig einmal durch. Worauf ich hinaus möchte, sind die Kommentare. Es gibt wirklich Menschen, die der Meinung sind, das Recht zu haben, diese Plus Size Bloggerinnen als schlechte Menschen darzustellen. Nicht nur sie. Alle dicken Menschen. Dicke sind wie Raucher – das war der ganz klare Vergleich. Schlechte Vorbilder. Ungesund. Leugnen nur, dass sie ein Problem haben. Dicke Frauen haben den Lifestyle bestehend aus Plus Size Kollektionen, Messen und Events und Spaß am Leben nicht verdient. Sie müssen leiden. Sie müssen als junge Menschen schon mental darunter leiden, weil sie ganz zeitig sterben werden und vorher werden sie auch unglaublich leiden – Organe, Gelenke, Knochen – alles wird bis sie 40 sind komplett zerstört sein. Man sollte dicke Menschen nicht in den Medien zeigen und schon gar nicht freudig, Kinder könnten sie nachahmen. Und so weiter. Das sind die schwachsinnigen Aussagen in den Kommentaren und die Autoren wurden ihrer auch nicht müde. Sie haben wirklich sehr viel Zeit und Energie investiert, den dicken Leserinnen doch endlich klarzumachen, dass ihr Leben so nichts wert ist.

Diese Menschen haben von irgend einer höheren Macht die Erlaubnis erhalte, solche Aussagen zu treffen. Doch sie tun es wenigstens. Auch wenn Diskussionen mit ihnen absolute Zeitverschwendung sind, gibt es doch genug Leute, die eben nicht offen zu dieser Meinung stehen. Sie wissen, dass es sich nicht gehört. Was tun sie also statt der Konfrontation? Das Schlüsselwort ist hier Ignoranz. Ich habe schon mein Leben lang mit Menschen zu kämpfen, die mich auf den Tod nicht leiden können. Nicht, dass sie mich je kennengelernt haben oder auch nur ein ernsthaftes Wort mit mir gewechselt haben.. sie mögen mich einfach nicht und sie machen auch kein Geheimnis daraus. Es gibt mittlerweile Erwachsene, die auch nach Jahren nicht müde geworden sind, mich zu beleidigen, wenn ich an ihnen vorbeilaufe. Das war in meiner Jugend recht anstrengend. Gerade beim Schulwechsel oder dem Wechsel in die Oberstufe ist es schwierig am Leben der alten Freunde teilzuhaben, wenn deren neue Freunde einfach nichts mit einem zu tun haben wollen; einen nicht einmal kennenlernen wollen.. zu fett.. und daher nicht gut genug. Aber auch Erwachsene tun das. Es gibt zwar keine offenen Beleidigungen mehr, aber mehr als das nötigste muss man ja nun auch nicht mit mir sprechen. Das ist immer irgendwie unangenehm, wenn man mit Freunden irgendwohin gehen möchte, wo diese Menschen dann auch sind und sie einem ganz deutlich das Gefühl geben, einfach nur geduldetes Mitglied der Gruppe zu sein, während alle miteinander Spaß haben. Und um es sich dann einfach zu machen, ist man ja selber Schuld. „Irgendwie bist du komisch..!“ habe ich schon öfter zu hören bekommen. Weil? Du mich kennst? Weil du denkst mich zu kennen, aber dich ja nicht mit mir beschäftigst? Weil ich versucht habe mich irgendwie zu integrieren und gnadenlos abgeblitzt bin?

„Die Dicken sind ja selber Schuld!“ – ja, wir könnten uns ja nun auch wirklich integrieren. Mein Interesse mich in eine Gruppe zu integrieren, die mich eigentlich gar nicht haben will, ist auch enorm groß.. wirklich. Leute von mir überzeugen zu wollen, die mir von vornherein mit Ablehnung entgegentreten war schon immer meine Vorstellung vom Beginn einer tollen Freundschaft. Aber wir könnten ja auch einfach abnehmen. „Wenn dir das nicht gefällt, dann nehm doch einfach ab!“ ist so eine Aussage.. jedes Mal 5 Euro dafür, ehrlich! Weil es nämlich das einfachste der Welt ist. Weil abnehmen ungefähr genauso leicht ist, wie Triangel spielen lernen. Wer dick ist und dick bleibt hat kein Recht traurig oder enttäuscht über die Reaktionen anderer zu sein; der muss da halt durch und sich das anhören; auch eine Kernaussage der Kommentare unter dem Brigitte Artikel. Wer raucht ist ja schließlich auch selber Schuld, wenn er Lungenkrebs bekommt.

Das Problem ist nur, dass der Raucher nicht offen dafür angefeindet wird. Gut, er muss zum Rauchen nach draußen, aber geht jemand an ihm vorbei und sagt: „Alter, du stinkender Bastard verreckst jämmerlich an deinem Raucherbein, wenn du die jetzt anzündest!“ – habe ich noch nicht gehört muss ich sagen. „Das fette Schwein frisst jetzt auch noch den Burger; kein Wunder, dass die immer fetter wird“ war da schon öfter dabei. „Lass sie doch reden!“, sagen sie. Aber das ist gar nicht so leicht. Das geht mitten ins Herzchen. Wozu das führt? Ich weiß, dass es vielen genauso geht: Ich schäme mich in der Öffentlichkeit zu essen. Egal was es ist. Es ist sehr unangenehm etwas zu essen, während andere Menschen um einen herumstehen. Es ist, als könnte man auf einmal Gedanken lesen und die sind nicht nett. Dicke sollten lieber zu jeder Möglichkeit hungern und wenn sie doch etwas essen müssen, tut es doch auch ein Salat. Aber, Überraschung: Auch dicke Menschen haben einen Organismus, einen Körper, Körperfunktionen.. Gründe, sich mehrmals am Tag Nährstoffe zuführen zu müssen. Frühstück, Mittag und Abendessen sind auch bei einem dicken Menschen fester Bestandteil des Tagesablaufen und wann soll er denn Mitagessen, wenn nicht Mittags? Ich glaube, für einen schlanken Menschen ist es kaum vorstellbar, wie unangenehm dieses Gefühl ist in der Kantine oder Mensa mit dem Tablett von der Kasse zum Tisch zu gehen. Selbst wenn keiner guckt oder etwas sagt, ist dieses Gefühl einfach da; diese Scham. Das führt soweit, dass ich auch privat Zuhause ein schlechtes Gewissen bei jedem Bissen habe. Eigentlich musst du ja was essen, aber wenn du dir die volle Gabel jetzt nicht in den Mund stecken würdest.. wenn du das nicht isst.. und dabei ist es egal, welches Essen es ist.

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Ich war in der achten oder neunten Klasse und hatte einen neuen Mitschüler, der gleich neben mich gesetzt wurde, da bei mir halt noch ein Platz frei war. Einer von diesen Typen, die saucool waren und jeden geärgert haben, der nicht zu den coolen Kids gehörte. Nach ein paar Versuchen merkte er, dass er mir irgendwie mit seinem Verhalten und seinen Sprüchen meilenweit am Meilenbreiten vorbeigeht. „Hast du abgenommen?“ Kurzer Anflug von Freude und Stolz..“Sieht man ja gar nicht!“ – irgendwann kamen wir ganz gut miteinander klar; wir hatten sogar so etwas wie ein respektvolles und freundschaftliches Miteinander. Und an einem Tag kam er zu mir und fragte: „Kann man ein Toast unter einer Minute essen?“.. warum fragte er das? Weil er es wissen wollte. Er hatte sich da wirklich mit einem Freund drüber Gedanken gemacht. Warum fragte er mich? Weil ich nun einmal dick bin und Dicke schlingen das Essen ja nur so in sich hinein und wenn einer weiß, wie schnell man so eine Toastscheibe verschlingen kann, dann ich. Er hat es an sich ja nicht böse gemeint, aber er hat auch irgendwann vergessen, mich als dicken Menschen zu sehen und in meiner Gegenwart sehr abfällig über andere gesprochen; das tun andere Freunde von mir allerdings heute noch. Da frage ich mich manchmal, ob die denn über mich genauso denken.

Ein Satz von diesem Mitschüler als wir älter wurden, der mir immer im Gedächntis bleiben wird: „Jeder Typ muss mal mit einer Fetten gevögelt haben!“ und er bekam dafür auch Zustimmung. Die Aussage verfolgt mich oft, wenn ein Mann Interesse an mir zeigt. Hat der wirklich Interesse an mir als Person oder hat er einfach „seine Fette“ noch nicht in der Liste gehabt? Da sind mir die, die sich mit verzogenem Gesicht einfach umdrehen oder über mich hinwegschauen bei Weitem lieber.

Ich hatte Glück in meiner Kindheit und der Jugend und auch heute: Ich bin, was das Mobbing angeht, echt gut weg gekommen. Ich kenne andere, die haben da sehr drunter leiden müssen; hatten nicht Freunde, wie ich und waren auch charakterlich einfach nicht stark genug damit umzugehen und so wurden sie die perfekten Opfer. So sozial sich der Mensch auch entwickelt hat in den letzten paar tausend Jahren, er ist dennoch ein Lebenwesen; gesteuert von Trieben und Urinstinkten. Gruppen sind immer gleich aufgebaut: es gibt den Anführer, das „Volk“ und das Opfer. Es gibt in jeder Gruppe ein Mitglied, das am schlechtesten ist und das wird dann das Opfer. Das ist immer so. Mal offensichtlich, mal eher versteckt – keine Gruppe hat gleichrangige Mitglieder und als dicker Mensch hat man diese Opferrolle automatisch inne. Mit etwas Glück kommt jemand, den es aus irgendwelchen Gründen noch schlechter erwischt hat, aber das ist selten.

Es gibt niemanden, der das nicht kennt. Jeder hatte schon so eine Situation, wenn er dick ist. Jeder hatte schon mit ganz offener und teils auch schmerzhafter Ablehnung zu kämpfen. Ich habe schon immer sehr dicke Oberarme und als wir in der 10. Klasse auf Abschlussfahrt gen Süden fuhren, fand ich mich in der für mich schlimmsten Situation wieder. Andere würden sich freuen, wenn es „nur“ das bei ihnen gewesen wäre. Wir saßen im Bus und ich wechselte mit meiner Freundin ab, wer mal am Fenster sitzen durfte und wer am Gang – der Gleichberechtigung halber. Am Gang zu sitzen war für mich aber nicht schlimm, weil ich dann nichts sehe, sondern wegen der Spacken hinter uns. Schräg hinter uns saßen nämlich die Jungs der Prallelklasse, die mich aus oben genannten Gründen nicht mochten – einfach nur weil ich dick war; mit mir gesprochen hatten sie nie. Sie fanden es also total witzig mir immer wieder mit ihren spitzen Fingern in den Oberarm zu pieksen. Das taten sie für mich gefühlt über Stunden. Die Fahrt von Berlin an den Gardasee dauert auch Stunden. Auch dicke Oberarme haben übrigens Nerven – das tut verdammt weh. Und sie pieksten immer wieder in die gleiche Stelle. Mir standen die Tränen in den Augen, aber ihnen gönnte ich sie nicht; diese Idioten durfte sie nicht sehen, dafür lachten sie dabei viel zu sehr. Das schlimmste dabei war eigentlich, dass ich zum einen aus dieser Situation nicht ausbrechen konnte – wo sollte ich hin in dem vollen Bus und zum anderen fühlte sich unsere „Begleitperson“, der hinten saß, keineswegs verantworlich zu reagieren. Und das hatte einen einfachen Grund: Auch er ließ mich die ganze Woche über spüren, dass ich für ihn kein gleichwertiger Mensch bin. Er war Anfang Zwanzig und scharf auf meine Freundin, wodurch er des Öfteren die Möglichkeit hatte, mir diese Abneigung auch zu zeigen. Er fühlte sich, entgegen seiner Funktion als Begleitperson auf dieser Fahrt, nicht eine Minute für mich verantwortlich. Diese Jungs sind nun erwachsen und ich fand mich auch schon in der Situation, dass man sich freundlich mit mir unterhalten wollte, freudig mich mal wiederzusehen und auch mal bei Facebook kam eine Freundschaftsanfrage.. aber ganz ehrlich: Es gibt Gesellschaft auf die ich verzichten kann. Mögen sie erwachsen geworden sein und vernünftiger, entschuldigt haben sie sich nie und vergessen habe ich das auch nicht und ich sehe auch keinen Grund das zu tun. Verzeihen ist zwar eine hervorragende Eigenschaft, aber ich finde nicht, dass man jedem verzeihen muss. Es waren keine Menschen die mir irgendwann mal was wert waren. Sie werden es auch nie werden. Wieso sollte ich also, ohne Entschuldigung, verzeihen und so tun, als wäre nie etwas passiert – die waren schließlich alt genug um zu wissen, was sie da machen.

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Und das ist der nächste Punkt: bei Dicken entschuldigt man sich nicht. Es ist noch nie vorgekommen, dass sich irgendwer bei mir entschuldigt hat. Man tut gerne so als wäre nichts gewesen und als seien wir dicke Kumpels seit der Kindheit. Sind wir aber nicht. Waren wir nie. Man entschuldigt sich, wenn man irgendwie gemerkt hat, da war grade was nicht ok.. aber irgendwie zählt ein Spruch, ein Blick, eine Aktion Dicken gegenüber nicht dazu.

Doch es sind nicht nur die Menschen in unserer Umgebung. Sie bekommen ja ein gewisses Bild eingebläut. Mir fällt spontan kein Liebesfilm ein, indem eine dicke oder mollige Frau die Hauptrolle spielt und den hübschen Mann abbekommt – es sei denn der Film spielt mit eben dieser Story. Moppel-Ich; Bridget Jones und wie sie nicht alle heißen, die dicken Tanten. Aber so ein Bondgirl wäre nie im Leben dicker als eine 36; genauso wenig Actionheldinnen. Dicke Frauen sind nicht sexy und auch nicht tough. Die taugen für solche Geschichten nicht und wären unglaubwürdig. Warum eigentlich? Ich könnte locker so einem Alien den Kopf wegballern, wenn er Berlin angreift und dabei auch noch mit den Hüften schwingen. Die dicken Frauen sind, wenn, dann die lustigen Freundinnen; die Mitläuferinnen in einer Gruppe angeführt von einer ganz tollen Traumfrau oder eben dieses Opfer in einem Drama, dass kein anderes Leid zu haben scheint, als ihr Gewicht. Wieso kann nicht beispielsweise ich eine Hauptrolle in einem Film wie P.S. Ich liebe dich spielen; ohne das Gewicht zu thematisieren? Ohne mich in die Witzecke zu stellen und eine Komödie auf Kosten „guck dir mal die Dicke an“ zu sein? Ohne das Konkurrenzspiel mit einem Bondgirl? Weil das ja wohl keiner sehen will. Dick ist nicht sexy, daher dürfte die Messe auch nicht so heißen, sagen die Kommentatoren. Und kann man es ihnen verübeln, wenn die dicken Frauen nie als hübsch mit einer gewissen Wirkung auf Männern dargestellt werden?

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Was ist nun das Endresultat? Mir wird oft Arroganz vorgeworden. Überheblichkeit. Ein unendliches und übergroßes Selbstbewusstsein. Ganz schön frech ist sie. Schon immer. Aber wo wäre ich ohne diese Eigenschaften? Vermutlich wäre ich depressiv. Magersüchtig eventuell. Vielleicht würde ich auch nicht mehr leben; ist doch nicht lebenswert so. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wäre ich eines dieser extremen Opfer geworden. Ich hätte mir jeden Spruch zu Herzen genommen; ich hätte mir das Herzchen jedes Mal brechen lassen. Ich hätte im Spiegel gesehen, was die anderen mir vorwarfen. Ich hätte mich aus der Gesellschaft zurückgezogen. Ich wäre ein totunglücklicher Mensch geworden.

Ich fasste einen dieser Kommentare unter dem Artikel zusammen und warf dem Autor vor, er würde Dicksein mit einem menschenunwürdigen Dasein vergleichen. Man brüskierte sich.. menschenunwürdig wäre doch etwas ganz anderes. Das sehe ich aber anders. Menschenunwürdig ist alles, was das Leben erschwert. Permanent schlecht behandelt zu werden; gesagt zu bekommen, man sei hässlich und stinkt; immer wieder mit den vermeindlich gesundheitlichen Folgen konfrontiert zu werden; in der Umkleidekabine wieder nicht in den Ärmel hineinzupassen; sich zu schämen, immer und ständig gesagt zu bekommen „Wenn du akzeptiert werden willst, musst du abnehmen!“ das ist doch menschenunwürdig. Das ist eine emotionale Belastung die über die körperliche Belastung des Übergewichts weit hinausgeht.

Natürlich ist das Leben mit Übergewicht nicht menschenunwürdig! Auch dicke Menschen haben eine Würde und oft ein tolles Leben – für manche Mitmenschen ist die Würde der Dicken aber sehr wohl antastbar; scheiß auf Menschenrechte. Es gibt Leute, die Dicke ja auch nicht als Menschen sehen. Es gibt Menschen, die ganz offen und deutlich sagen „Die Fetten müsste man alle umbringen!“ – was das für Menschen sind und wie sie ihr Leben so verbringen, ist an sich nicht erwähnenswert, die Aussage alleine macht aber Angst. Viele sagen ja viel; ist ja alles nur dummes Gequatsche.. wer aber mal ein paar Kriminalfälle verfolgt sieht, dass es Menschen gibt die ihre Hassobjekte tatsache töten. Wenn nun so ein minderbemittelter Assi mit Fahne lallt, man müsse uns dicke Menschen doch alle töten, woher weiß ich denn, dass sein niederer IQ doch noch hoch genug ist, nicht zur Waffe zu greifen? Das klingt vielleicht hart und weit hergeholt.. ist es nur leider nicht. Homosexuelle kennen das: „Zu Hitlers Zeiten hätte man dich vergast!“. Und auch Ausländer kennen soetwas; die Nachrichten berichten ja mindestens einmal im Jahr von körperlichen bis tötlichen rassistisch motivierten Auseinandersetzungen, die man sich in unserem EU-Deutschland nicht hätte vorstellen können.

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Woher nehmen die Menschen die Überzeugung, sich so verhalten zu dürfen? Auch wenn es nur selten die Aggressionen sind, die man zu spüren bekommt, sind es diese kleinen und teils unbewussten Anfeindungen, die ebenfalls im Gedächtnis bleiben. Mag ich den Menschen nicht, weil ich gemerkt habe, dass wir einfach nich auf einer Wellenlänge liegen und unsere Meinungen und Vorstellungen zu weit auseinandergehen oder mag ich den Menschen nur nicht, weil er irgendetwas an sich hat, dass ich nicht leiden will.. zu dick, zu dunkel, nicht meine Schicht? Was gibt uns das Recht einen Menschen vorzuverurteilen? Jeder tut es! Jeder von Euch hat es schon gemacht und wird es auch weiter machen – auch ich. Die Frage ist nur: Wie damit umgehen? Angreifen? Ignorieren? Drüberhinwegsehen und das beste draus machen? Der andere merkt das dennoch. Es gibt keinen guten Weg damit umzugehen und daher wird es auch nie verschwinden. Man sollte sich allerdings einfach bemühen, das geringste Übel zu wählen. Muss ich einen dummen Spruch lassen oder kann ich mir den auch einfach verkneifen? Muss ich jetzt abwertend gucken oder kann ich nicht auch einfach lächeln? Hat es Nachteile für mich, einfach respektvoll an der Unterhaltung teilzuhaben?

Wer sich als dicker Mensch jedoch darüber beschwert, wie er in der Gesellschaft wahrgenommen wird und was ihm so passiert, der sollte besser den Mund halten. Wir leben in einer sozialen Gesellschaft. Hier darf jeder schalten und walten und sein wie er ist. Wenn man irgendwas nicht mag, muss man es ändern. Wer nicht abnehmen will, hat sich doch für so ein Leben entschieden – der weiß doch, dass er ein Opfer ist! Doch auch dicke Menschen habe eine Psyche, die ebenso belastbar ist wie die anderer. Vielleicht sind sie etwas nervenstärker – Training halt, aber irgendwo ist auch mal Schluss. Auch dicke Menschen müssen darüber sprechen dürfen, was passiert ist, egal wie klein es scheint. Man kann nicht alles ignorieren und alles mit „Lass die doch reden!“ abzuwerten ist nicht hilfreich. Sie reden ja und man lässt sie ja auch. Man kann ihnen ja schwer die Zähne ausschlagen und die Zunge rausschneiden; so gerne man das auch tun würde manchmal. Aber der Stich war da. Es hat verletzt. Es hat getroffen. Und auch wenn die meisten so tun, als wäre ihnen das egal und als hätte es sie nicht berührt, spätestens Zuhause und alleine machen sie sich in einer ruhigen Minute Gedanken darüber und dann gehen die Mundwinkel nach unten. Der eine rettet sich in Frustessen, der andere lässt eine Mahlzeit ausfallen oder erbricht und andere lassen sich dadurch wirklich nicht weiter beeinflussen, außer dass sie einen neuen Strich an die „Tut schon weh“-Tafel machen konnten. Und auch wenn man denkt, man spricht nur ganz leise – Dicke sind auch nicht taub. Es kommt an.

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Wie gehe ich also nun damit um? Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, mich lässt sowas kalt. Sollen die doch reden! Es wäre nicht richtig zu sagen, es würde mich nicht in meinem Leben beeinflussen. Das tut es ja. Scham beim Essen – Scham für’s essen. Die Bluse passt, nur die Ärmel sind zu eng: Selber schuld! Mir geht es zur Zeit wirklich schlecht, weil ich abnehmen will und nicht kann und mich jeden Tag neu zu motivieren, mich dadurch nicht runterziehen zu lassen, ist verdammt schwer. Ich lehne Anfragen für Shootings ab, weil ich auf den Fotos nichts weiter sehe als dieses Doppelkinn und der Blick des Fotografen nicht meiner ist – „Ich finde das Bild total toll!“ ist die Fotografenaussage. Ich finde die Fotos fast alle schrecklich, weil ich beim Anschauen nur Doppelkinn sehe; nur breite Schultern und dicke Oberarme und einen viel zu kleinen Kopf. Ich wurde letztens von einem wirklich gutaussehenden Mann angeflirtet, inmitten einer Gruppe hübscher Mädels und er sprach nur mit mir und schaute nur mich an und ich kann mir die Gedanken nicht verkneifen, ob der sich nicht vielleicht einfach nur gedacht hat „Die Dicke freut sich bestimmt..“ anstatt einfach zu denken, ich wäre ihm vielleicht tatsache sympathisch. Ich mache mir keine Mühe mehr nett zu jemandem zu sein, der mich ablehnt. Ich war in China mehr mit Leuten unterwegs, die ich dort kennengelernt hatte, als mit meinen Kommilitonen; einfach aus dem Grund weil es in der Gruppe Leute gab, die kein Geheimnis daraus machten, dass „dicke Weiber“ halt einfach scheiße sind und sie mich nicht sonderlich mochten.

Ich versuche es halt einfach besser zu machen. Ich versuche, Leute nicht wegen offensichtlicher oder versteckter angeblicher Unzulänglichkeiten abzuwerten oder anzufeinden. Ich versuche, keine Vorurteile zu entwickeln, wegen etwas, das andere über diese Person sagen oder einer Assoziation die ich mit ihr habe. Ich versuche weitestgehend über allem zu stehen und es mir nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen. Ich versuche mir klarzumachen, was toll an mir ist und warum es die anderen sind, die eine schlechte Einscheidung getroffen haben, mich nicht kennenlernen zu wollen.

Ich sage bewusst „versuche“, denn wenn es mir immer gelingen würde, wäre ich wahrscheinlich in ein weißes Laken gehüllt und man würde mich anbeten. Niemand ist perfekt und daher geht es halt nicht immer. Auch ich verurteile vorzeitig und sage unpassende Dinge. Und ich kann mich manchmal auch einfach nicht aus diesem Tief herausziehen und es trifft mich. Ich reduziere das aber auf ein Minimum; mal ist es ein größeres Minimum, mal ein kleineres.. Wäre ich nicht dick, wäre es etwas anderes. Das fällt mir nur nicht auf. So ist das Leben nun einmal. Es ist nicht fair. Und die Menschen sind auch nicht immer nett. Es wird keine Welt ohne Diskriminierung geben: sei es gegen Dicke, gegen Ausländer, gegen Andersgläubige, gegen Alte, gegen Arbeitslose, gegen alles und jeden – jedes kleine Detail dient dazu Grund für Diskriminierungen zu sein. Und vielleicht hilft es ein bisschen zu wissen, dass jeder diskriminiert wurde und wird und werden wird. Wenn wir andere so behandeln, wie wir auch behandelt werden möchten und uns nicht zu sehr von der Meinung anderer unterkriegen lassen, können wir uns mit diesem bösen Geist „Diskrimi Nierung“ arrangieren.

Wie sind Eure Erfahrungen mit dem Thema? Gerne auch kritisch.. es würde mich wirklich interessieren. Vielleicht liest ja auch jemand mit, der mir erklären kann, woher man sich berechtigt fühlt, eben andere bewerten zu dürfen.

2 Gedanken zu “{Lifestyle} Diskriminierung

  1. Hallo Romy,

    ich habe Deinen Blog vor Kurzem entdeckt und lese seit dem öfter hier. Dieses Thema ist schwere Kost und (glücklicherweise) kann ich gar nicht so viel aus eigener Erfahrung dazu beitragen. Obwohl übergewichtig, habe ich nicht diese negativen Erfahrungen gemacht. Vielleicht, weil ich Glück habe und sich meine 100 kg auf 1,80 m verteilen. Vielleicht weil ich noch immer sportlich bin und mich nicht besonders eingeschränkt fühle. Vielleicht weil ich erst die letzten 10 Jahre dick geworden bin. Aber jeder hat sein Päckchen zu tragen und so trage ich andere Päckchen. Irgendwann habe ich mal folgende Sätze von Abdi Assadi gefunden und finde sie ausgesprochen tröstlich und hilfreich. Ich schreibe sie Dir auf, in der Hoffnung, dass sie Dir auch Trost spenden können.

    „Alles, was dich an anderen Menschen stört, ist das, was in dir selbst feststeckt. Du kann nicht alle Menschen mögen, aber du kannst alle lieben. In der Spiritualität wird es oft verdreht: Wir versuchen, alle zu mögen. Aber mögen ist der Job deines Egos. Lieben ist der Job deiner Seele. Es können dir also bestimmt Dinge an anderen Menschen nicht gefallen, aber du hast deinen Frieden damit und kannst sie immer noch lieben. Wenn es bei dir aber emotional etwas auslöst – dann ist das dein eigenes Zeug, was du da siehst. Wenn ich höre, dass bestimmte Menschen immer über andere reden „die, die, die“ – das sind sie selbst! Alles, was dich an jemanden stört, ist das, wo du noch Arbeit zu tun hast“

    Ich weiß ja gar nicht, ob Du mit solchen Gedanken etwas anfangen kannst (und willst), aber ich finde sie sehr wahr. Ich kann natürlich nicht über andere Menschen urteilen, aber bei mir selbst habe ich schon oft festgestellt, dass, wenn mich etwas an anderen „stört“ es mit mir zu tun hat. Und nur mit mir. Da sind Dinge verschüttet, die durch diesen anderen Menschen vorgezehrt werden. Negativ oder positiv. Man kann nämlich nur sehen, was in einem ist.

    Seit dem mir das bewußt geworden ist, kann ich mit Abneigungen anderer besser umgehen (und auch mit meinen eigenen). Denn leider werden wir immer von anderen beurteilt werden. Und selbst wenn ich mich bemühe, nicht zu urteilen, bin ich leider nicht frei davon. Ich merke es zwar recht schnell und höre dann auf, aber ich bin trotzdem noch immer schnell mit Urteilen zur Hand – sowohl negativen als auch positiven.

    Ich wünsche Dir alles Gute und hoffe, dass Dich die Anfeindungen und Abneigungen der anderen irgendwann einfach nicht mehr berühren, weil Du immer noch Du bist. Ganz egal, was andere denken, sagen oder tun.

    Alles Liebe, Annett

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