{Lifestyle} Die Sache mit dem Selbstbewusstsein

Ich poste auf Instagram in letzter Zeit öfter mein Outfit des Tages, gerne auch mal in Sportsachen mit naggelischem Bauch und erhalte durchweg positive Resonanz, was mich riesig freut. Unter einem der Bilder stand dann: „Finde dein Selbstbewusstsein echt beneidenswert! Kannst wirklich wahnsinnig stolz darauf sein„. Das fand ich sehr süß und geht natürlich runter wie Öl. Allerdings fing ich danach mal an darüber nachzudenken – Selbstbewusstsein. Beneidenswert. Stolz. Warum eigentlich?

DSC_4165Photo by Infinitymoment Photography

Selbstbewusstsein als Begriff

Was ist Selbstbewusstsein eigentlich? Der Name sagt es eigentlich schon: Das Bewusstsein seiner selbst. Wer bin ich? Was halte ich von mir? Wie stehe ich zu mir selber? Was denke / fühle / hoffe ich, denken die anderen von mir? Das Selbstbewusstsein ist schlicht nichts anderes, als eine positive Einstellung zur eigenen Person – so verstehen wir es. Doch eigentlich ist das Selbstbewusstsein noch viel mehr. Es ist auch die negative Wahrnehmung meiner selbst. Auch Menschen, denen wir das nötige Selbstbewusstsein absprechen, haben eigentlich eines – nur eben nicht in der Form, wie wir es uns vorstellen und erhoffen.

Beneidenswerte Eigenschaft

Wer ein großes (positives) Selbstbewusstsein hat, benötigt auch noch eines ganz dringend: Charme und/oder Ausstrahlung. Andernfalls schlägt das Selbstbewusstsein ganz schnell in Überheblichkeit und Arroganz um. Darum beneidet uns dann niemand mehr. Niemand würde uns für unser Selbstbewusstsein beglückwünschen. Der Grad ist schmal und nicht jeder schafft ihn. Schaffe ich es? Ansichtssache. Es gibt, denke ich, genügend Menschen die mir ohne mit der Wimper zu zucken Überheblichkeit bescheinigen. Wieder andere würden vielleicht sagen, ich könnte noch ein wenig Selbstbewusstsein gebrauchen. Und wieder andere würden zweifelsohne sagen: Genau richtig! Es kommt drauf, wann sie mich kennengelernt haben.

Ich persönlich finde, Selbstbewusstsein ist situationsabhängig / stimmungsabhängig / zielorientiert. Selbstbewusstsein ist keine konstante Eigenschaft. Sie ist nicht permanent zu 100% abrufbar. Wir können sie nicht immer so ausleben, wie wir es gerne würden. Ich sehe jeden Tag eine andere Person im Spiegel – manchmal auch mehrmals am Tag. Manchmal finde ich diese Person ganz toll und manchmal weniger. Manchmal kann ich sie überhaupt nicht leiden und manchmal würde ich sie am liebsten gar nicht sehen. Manchmal fühle ich mich ihr nahe, manchmal fremd.

Auf und nieder, immer wieder

Es ist eine Wellenbewegung mit strärkeren und schwächeren Ausprägungen. Mal ist das Hoch länger, mal nur ganz kurz. Das muss aber nicht jeder wissen. Niemand muss erfahren, dass ich mich selbst heute vielleicht gar nicht hübsch finde. Ich muss keinem zeigen, dass ich mich gerade unglaublich unwohl mit mir selbst fühle. Selbstbewusstsein ist auch immer ein wenig Schauspielerei. Menschen, die sehr selbstbewusst und positiv sich selbst gegenüber eingestellt wirken, sind oft genau das Gegenteil. Sie arbeiten hart an sich, weil sie nicht dem Ich entsprechen, das sie gerne wären. Gleichzeitig wirken sie aber auf andere sehr stark und zufrieden, weil sie es sich einfach nicht anmerken lassen.

Würde ich jeden Tag Fotos im Sporttop machen? Um Gottes Willen, nein! Lehne ich gelegentlich Dates ab, weil ich denke, der Typ dreht gleich wieder um? Oh ja! Entscheide ich mich trotz Langeweile gegen eine Feier bei Freunden von Freunden, weil ich denke, nicht positiv aufgenommen zu werden. Na, aber hallo! Und nicht nur manchmal. Das Treffen auf Fremde ist immer eine Entscheidung für oder gegen. Wird einer davon zu jener Menschengruppe gehören, die dicke Menschen nicht mögen und es mich spüren lassen? Wird es davon mehrere geben? Sind sie überhaupt Fremden gegenüber aufgeschlossen oder würde ich mehr am Rande stehen? Wie sehr mag ich mich heute eigentlich selber? Bin ich positiv genug eingestellt, um eine eventuelle Ablehnung meiner Person an mir abprallen lassen zu können oder würde es mich treffen? Würde es mich sogar verletzen?

confidence

Mein Selbstbewusstsein ist manchmal derart schlecht, dass ich weinend, weil unzufrieden mit mir selber, auf der Couch liege. Manchmal ist es derart gestärkt, dass ich mich Dinge traue, die ich sonst nicht tun würde. Hin und wieder ignoriere ich es auch einfach, weil mein Interesse etwas zu tun schlichtweg stärker ist als meine Einstellung zu mir selber in dem Moment.

Auch ein Kuchen mit Beule schmeckt nach Kuchen

Mein Bruder brachte einmal vor vielen Jahren von einem Klassenausflug eine Kinderbibel der Zeugen Jehovas mit nach Hause und es gab eine Passage darin, in der Kindern die Wertigkeit anderer Menschen erläutert wurde. Für mich kann jeder glauben, was er will, aber daraus kann unabhängig vom Glaube jeder etwas lernen. Das Beispiel war unglaublich simpel: Menschen wurden verglichen mit Kuchenformen. Kleine Kuchenformen, große Kuchenformen, lange Kuchenformen, runde Kuchenformen.. und so weiter. Und dann gab es die Kuchenform mit Beule. Bäckt man mit ihnen, kommt immer ein anderer Kuchen dabei raus und die Form mit Beule, hat dann halt keinen perfekt geformten Kuchenleib erzeugt. Doch eines haben sie alle gemeinsam: Der Kuchen schmeckt immer gleich, weil die Form keinerlei Auswirkung auf den Geschmack hat.

Der Mensch ist also immer gleich. Egal wie er aussieht. Was er tut. Wie er spricht. Woran er glaubt. Und dessen ist es doch, dem wir uns bewusst sein sollten. Ich bin nicht besser als ein anderer. Ich bin auch nicht schlechter. Ich bin einfach nur nicht er (oder sie). Ich bin ich. Und ich bin gut so wie ich bin. Manchmal habe ich eine Beule und ein Problem damit. Das darf ich aber auch. Ich darf hin und wieder unzufrieden mit mir sein. Daraus ziehe ich meinen Antrieb an mir zu arbeiten. Ich darf mich auch hin und wieder für Gottes Meisterwerk halten. Daraus schöpfe ich Energie für Dinge, die ich mir selbst kaum zutraue.

Kannst Du mein Selbstbewusstsein beeinflussen?

Du bist der einzige Mensch der das kann! Unser Selbstbewusstsein ist nicht angeboren. Es ist anerzogen; gelernt. Die Art und Weise wie wir mit anderen Menschen umgehen, entscheidet darüber, wie sie sich selbst wahrnehmen. Wenn ich sie wertschätze, lobe, ihnen Komplimente mache, meine Zuneigung und Sympathie ausdrücke, ihnen einfach das Gefühl gebe toll zu sein, nehmen sie das für sich selbst auf. Verhalte ich mich negativ, mache sie nur runter, gebe ihnen das Gefühl schlecht zu sein oder nicht auszureichen, beginnen sie an sich zu zweifeln. Wenn ich also möchte, dass jeder mit sich selbst im reinen ist und eine positive Einstellung zu sich selber hat, muss ich nichts weiter tun, als ihn positiv zu bestätigen. Ich muss ihn dafür nicht vollschleimen oder permanent loben. Ich kann ihn auch kritisieren und ihm sagen, dass etwas gerade ganz gehörig schief lief – der Ton macht die Musik! Kritisiere ich einfach nur oder schaffe ich dabei auch etwas positives zu sagen? Muss ich sagen: „Was du da heute anhast geht ja mal gar nicht!“ oder kann ich auch sagen: „Toll, die Farbe steht dir richtig gut, nur der Schnitt ist vielleicht nicht optimal, aber ich mag deinen neuen Stil sehr gerne!“.

Ich bin nicht immer stolz auf mein Selbstbewusstsein und ich bin auch nicht sicher, ob man mich darum beneiden kann. Ich finde es aber toll, was dieses Mädchen gemacht hat: Ohne mich zu kennen hat sie mir einfach ein Kompliment gemacht. Es hat sie ein paar Sekunden gekostet und mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert und das an einem Tag, an dem ich vor dem Spiegel mal wieder nicht so positiv von mir selber dachte. Wir können mit ganz kleinen Dingen viel in anderen bewirken. Wir haben es in der Hand, ob der andere selbstbewusst durch sein Leben geht oder nicht. Nehmen wir uns doch einfach vor, mal wieder jemandem ein positives Selbstwertgefühl zu verschaffen. Wie wäre es mit der einfachsten und nahezu aufwandslosesten Möglichkeit, die es gibt – ein kurzes Lächeln? Wollen wir morgen nicht einfach mal an der Kasse / an der Ampel / dem unbekannten Nachbarn ein kurzes Lächlen schenken? Seid Ihr dabei?

Ich mache mal den Anfang und schenke Euch heute mein schönsten Lächeln – ich wette, mindestens einer hat lacht jetzt:

DSC_4578Photo by Infinitymoment Photography

4 Gedanken zu “{Lifestyle} Die Sache mit dem Selbstbewusstsein

  1. Toller Artikel! ♥
    Und auch wenn ich nicht gläubig bin, finde ich auch diese Textpassage mit den Kuchenformen super!🙂 Denn genau das ist es doch: Egal ob dick, dünn, klein groß.. wir sind alle Menschen!🙂

    Ich wäre gerne selbstbewusst, bin das aber nur bei meinen Eltern und meinem Freund. Nichtmal am Telefon habe ich Selbstbewusstsein, Anrufbeantworter vollquatschen trau ich mich meist z.B. gar nicht. Auch rede ich dann total leise😦

    Ich finde dich schön und auch bauchfrei finde ich nicht schlimm. ♥ Laut der heutigen Gesellschaft müsste ich voll die verschobene Denkweise haben, da ich persönlich Frauenkörper mit Kurven schöner finde als knochigere Körper. Rein von der Optik. Ich gehöre wohl auch zu den wenigen Frauen, die nicht auf Männer mit Muskeln und Sixpack stehen :O Solche Kinnbilder mag ich😀 Muss mir mal eins machen, nur zum Vergleich wie es dann aussieht, wenn ich irgendwann normalgewichtig bin😀 Bei mir sieht das nämlich richtig schlimm aus :O😀 Zwar bei weitem nicht mehr so schlimm wie letztes Jahr bei meinem Höchstgewicht, aber trotzdem noch :O Dennoch muss ich langsam lernen, mich mit meiner runden Gesichtsform anzufreunden, denn die werde ich auch bei Normalgewicht behalten:/

    Deinen Artikel mit den Sportklamotten habe ich zwar noch nicht gefunden, aber dafür habe ich ihn mir direkt mal abgespeichert und hoffe, dass ich am Wochenende mal mehr Zeit zum Blog lesen finde, denn du hast einige Beiträge, die mich schon von der Überschrift her zum Lesen animieren🙂

    Grüsse ♥

    • Ich muss öfter den Spamordner anschauen.. gleich mal deinen Kommentar da wieder rausholen😀

      Ja, das Bild ist denke ich bei jedem verschoben: je nachdem. Ich finde, gerade aktuell gibt es extreme in beide Richtungen. Entweder ganz knochig wird als toll angepriesen und alles was dicker ist als schlecht und im Gegenzug gibt es die Bewegung Kurven, Speck und mehr sind toll und besser als dünn. Ich finde die Gesellschaft ist weder bei dem einen, noch dem anderen kritisch genug. Wer in das eine Lager gehört, verteufelt das andere. Ich finde es gibt KEIN Ideal und die Diversitykampagnen sind einerseits löblich, andererseits scheinen sie mir derart aggressiv, dass ich das Problem bei Menschen mit geringem Selbstbewusstsein sehe, dass sie einfach nicht mehr wissen, wohin sie gehören (nicht dünn genug für die einen und nicht dick genug für die anderen).

      Ich war früher auch eher schüchtern, lieber nicht mit fremden in Kontakt kommen, auf andere zugehen – um Gottes Willen… aber machmal hilft einfach nur MACHEN. Und wenn man es dann gemacht hat, merkt man dass gar nichts schlimmes passiert ist und bestenfalls sogar etwas tolles. Oder auch gerne genutzt: Wenn andere das können, kann ich das auch!

      Das Kinnbild ist übrigens gefaked🙂

  2. Dieser Artikel passt gut zu einem „Problem“, dass sich mir heute morgen stellte. Ich hatte mir bei H&M eine kurze Hose gekauft. Normalerweise muss die bei mir mindestens bis zum Knie gehen. Diese endet ein paar Zentimeter davor. Und schon saß ich voller Zweifel am Frühstückstisch: kann ich so raus? Werden kleine Kinder mit dem Finger auf mich zeigen (ich trage Größe 44 und ich bin sicherlich kein Walross, aber Kinder können fies sein)? Oh Gott, nein, ich muss mich nochmal umziehen. Aber wieso hab ich mir die Hose dann gekauft, wenn ich sie jetzt nicht trage? Fakt ist, dass mit jedem Zentimeter Hosenstoff mein Selbstbewusstsein sinkt. Ist doch krank oder? Im Bus dachte ich dann, dass ich in einer 7/8 Hose auch nicht wie Heidi Klum aussehe. Aber genau das ist, was ich bei mir selbst beobachte. Daheim im Spiegel sehe ich meine „Stampfer“, wie ich sie liebevoll nenne. Dann ziehe ich ne Hose drüber und bilde mir ein, dass nun keiner mehr sieht, dass ich Größe 44 trage. Was ich damit sagen will: man muss sich auch mit ein bisschen mehr im Sommer nicht verstecken und in wallende Gewänder hüllen, denn auch die lassen einen nicht plötzlich wie eine 38 aussehen. Ich vertrete zwar dennoch die Meinung, dass man sich mit Orangenhaut nicht in eine Hot Pant stecken muss (gilt auch für Schlanke!) und man seinen Körper mit den richtigen Klamotten bestmöglich in Szene setzen sollte, aber auch nicht, dass man sich wegen ein paar Zentimetern Hose mehr oder weniger gleich in Selbstzweifel stürzen sollte.
    Ich habe die Hose übrigens angezogen und noch keine „was hat denn die an?“-Blicke wahrgenommen.

    • Eben – wir machen uns unsere „Blicke“; „Kommentar“ oder ähnliches auch ein wenig selbst. Ich finde auch, dass es Grenzen des guten Geschmacks gibt, aber meistens sind sie lange nicht erreicht.
      Schön, dass du die Hose trotzdem trägst!

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