{Styling} Wie man sich ganz schnell unbeliebt machen kann

Es gibt in vielen Bereichen Möglichkeiten sich ruck zuck unbeliebt zu machen und in Sachen Mode geht das am schnellsten: Wer heute nicht alles Fair Trade kauft, ist ein Schwein!

Bekenne dich offen dazu, in Läden einzukaufen, die auf Kinderhände statt Handreiche setzen und du bist auf der Staatsfeind Nr. 1 Liste mancher Menschen ganz weit vorne gelandet. Der Satz „Habe ich bei Primark gekauft“ wirkt wie der Ruf der Sirenen und vermeindliche Moralapostel fühlen sich angezogen. Das ist an sich ja auch gar nicht schlimm, aber möchtest du auf ihren Einwurf, was für ein schlechter Mensch du wärst, reagieren und es ausdiskutieren, ist das argumentieren auf einmal schwer.

Warum kaufe ich also bei Primark, H&M und Co?

Es gibt regelmäßig diese Anfeindungen, ich unterstütze die Kinderarbeit und wegen mir muss ein Arbeiter in Bangladesh ohne Schutzkleidung in giftigen Chemikalien rühren. Zuletzt erst wieder nach dem Post mit den Sportbustiers von Lidl. Ja, ich habe Sportbustiers für 8 Euro bei Lidl gekauft.

Ich habe grundsätzlich gar kein Problem damit, dass man die Welt besser machen möchte. Ich finde das sogar sehr gut! Die Welt kann ohne engagierte Menschen nicht besser werden. Aber, es gibt dabei einiges zu beachten und das sollte nicht aus den Augen verloren werden. Einem Menschen bestimmte Anschuldigungen an den Kopf werfen ist ganz schnell und einfach gemacht. Aber, dadurch wird die Welt nicht besser. Es tut mir leid.

Respekt habe ich für jene, die das Ding auch konsequent durchziehen. Die nicht mit erhobenem Zeigefinger da stehen und anfeinden, sondern erst einmal hinterfragen: Warum machst du das denn so und nicht anders? Wieso kannst du denn ohne schlechtes Gewissen diese Schuhe tragen? Interessiert dich denn gar nicht was in anderen Ländern passiert? Und dann gibt es die Möglichkeit darüber zu reden.

Warum findet sich denn in deinem Kleiderschrank nicht durchgängig Fair Trade bzw. warum kaufst du nicht ab jetzt nur noch Fair Trade?
Wer argumentiert, fair produziertes Kleidung würde ja so „öko“ aussehen und ist nicht hübscht, der outet sich als Vollidiot. Das muss ich zugeben. Es gibt viele Fair Trade Shop, die mittlerweile auch wirklich schöne Kleidung anbieten und sie sind mit zwei oder drei Klicks ganz schnell gefunden. Diese Shops haben für mich nur einige Haken.

magischesdreieckIn der Wirtschaft gibt es „Das magische Dreieck“ – in der Bank wurde es immer wieder in der Kundenberatung genutzt. Das magische Dreieck beinhaltet die drei wichtigsten Aspekte in der Entscheidungsfindung. Das Problem dabei ist, dass es nicht bis kaum möglich ist ein gleichschenkliges Dreieck zu konstruieren – eine Seite wird dabei grds. in Mitleidenschaft gezogen. Auf das Beispiel Bekleidung gesehen haben wir die drei Aspekte: Fair und Nachhaltig, Plus Size und Bezahlbar (dieser Punkt ist nach den persönlichen Möglichkeiten individuell – in meinem Fall: Student, unter Mindestlohnniveau). Meine Priorität ist demnach aktuell Plus Size und Bezahlbar und da leidet Fair und Nachhaltig einfach.

Aber, selbst wenn ich sagen könnte, ich bin in der Lage für ein einfaches Freizeitkleid 120 Euro zu bezahlen, kann ich es gar nicht wirklich tun. Die Fair Trade Industrie hat die Plus Size Industrie für sich einfach noch nicht entdeckt. Nur ganz wenige Shops gehen über die Standartgrößen hinaus. Woher also nehmen? Jeder gute Wille taugt nichts, wenn die Umsetzung scheitert. Wenn Ihr bereits Plus Size Shops mit Fair Trade Charakter gefunden habt, schreibt sie doch bitte in die Kommentare! [TAKKO ist beispielsweise grün gelistet, jedoch nur ein Offlineshop und hat keine Sportkleidung]

Ganz schlaue Menchen könnten jetzt sagen: Nimmste halt ab, kannste da auch einkaufen!
Dann fragt der angegriffene Mensch: Wie denn? Wie soll ich dickes Kind denn nun Sport machen, zum Abnehmen, wenn ich die einzige mir mögliche Sportbekleidung nicht kaufen soll, weil die nicht fair und nachhaltig ist? Nackig? Will die Welt das wirklich?

Es ist nicht alles gold was glänzt!
Jetzt ist es ein leichtes die Discounter und Billiganbieter anzugreifen. Doch, bleiben wir bei der Sportbekleidung. Es ist doch kein Geheimnis, dass die großen Sportartikelhersteller fair nur auf dem Bolzplatz vertreten. Natürlich hat es seinen Preis, gut zu produzieren und zu kaufen, aber das macht bekannte Marken jetzt nicht zum Vorreiter der Fair Trade Sportler.

Als Konsument bist du in den Geschäften verloren, wenn du nicht recherchiert hast. Die Verkäufer sind oft offen und geben zu, wo die Artikel hergestellt wurden, doch China ist nicht gleich China. Es gibt auch in den Billigländern faire Produzenten und auch in vermeindlich „guten“ Ländern, kann man Arbeiter ausbeuten. „Made in Turkey“ ist kein Qualitätssiegel, liebe Freunde!

Viele machen sich auch keine Gedanken darum, was nach ihren Forderungen „Kauf das nicht!“ passiert. Es gibt Menschen, die glauben, wenn wir aufhören diese Kleidung zu kaufen, gehen die Kinder aus den Fabriken nicht mehr arbeiten, sondern in die Schule. Nein, gehen sie nicht. Die Kinder gehen nicht arbeiten, weil sie keine Lust auf Schule haben, sondern weil die Eltern das Geld brauchen. Schließt nun eine Fabrik, weil sie keine Aufträge mehr erhält, fehlt den Familien Einkommen. Die Kinder müssen dann auf andere Art versuchen Geld zu verdienen. Entweder finden sie in einer anderen Fabrik einen neuen Job und nähen dort weiter oder, und das finde ich persönlich schlimmer, sie arbeiten auf den Giftmüllbergen oder verkaufen sich und ihre Körper.

Boykott hat immer ein Ergebnis. Es ist nur nicht immer das, was wir uns erhoffen! Wirtschaftswissenschaftler haben heraufgefunden, würde in diesen Fabriken darauf geachtet Bedingungen und Löhne den geforderten Standarts anzupassen, würde die Kleidung für uns nur minimal teurer werden. Warum tun sie es also nicht? Gier? Vermutlich. Doch auch der Käufermarkt macht es nicht besser. Aber es stimmt auch nicht, dass sich nichts tut. Es tut sich etwas, nur eben nicht von heute auf morgen. Der Fokus sollte demnach darauf liegen, die Unternehmen zu einer gesunden Nachhaltigkeitspolitik zu lenken, die Arbeitsplätze zu erhalten und den eingeschlagenen Weg zu unterstützen. Fordern statt boykottieren ist hier effektiver. Checkt doch mal Eure Lieblingsmarken im Ranking!

Hinter die Fassade schauen!
Nur weil ein Mensch preiswerte Kleidung kauft, die moralisch bedenklich produziert wurde, ist er nicht automatisch ein schlechter Mensch. Jene, denen alles egal ist, die gehören angegriffen – vollkommen richtig. Aber überzeugend, nicht beleidigend. Manch einer weiß es vielleicht nicht besser und braucht nur einen kleinen Anstoß, wie er schon hier und da etwas besser machen kann.

Auch die Moralapostel sind oft nicht die besten Beispiele. Wer mir etwas erzählen möchte, von schlecht produzierter Kleidung und mir dann mit seinem iPhone vor der Nase rumfuchtelt und dabei seinen Chai-Latte aus dem Wegwerfbecher verschüttet, der hat ja wohl den letzten Schuss noch nicht gehört. Wer mit einer Vittelflasche vor mir steht und mit dem L’Oreal-Gel in den Haaren anfängt etwas von Fair Trade zu faseln, der hat für mich die Glaubwürdigkeit eines Spitzenpolitikers während des Wahlkampfes. Doch wieso werden die nicht permanent angegriffen? Weil sie es vielleicht nicht besser wissen und denken, etwas Gutes zu tun, wenn sie sich Nesquik in die Milch rühren? Weil die Alternative kein Stück besser ist? Ich mache auch nicht jeden von ihnen darauf aufmerksam wie rücksichtslos sie sich gerade im Hinblick auf Menschenrechte, Tierschutz und Umweltschutz verhalten – wer bin ich denn den ersten Stein zu werfen?

Ein 100% faires und nachhaltiges Leben zu führen ist gar nicht so einfach. Jeder kann jedoch schon in seinen Möglichkeiten etwas tun. Ich persönlich kaufe beispielsweise wann immer es möglich ist Bio-Produkte, Fair Trade Lebensmittel, kaufe nur Papiertüten und meide Nestlé. Ich hatte zu Beginn meiner Lehre einmal das Erlebnis, von einer (von der Organisation bezahlten!) Tierschützerin angesprochen  zu werden und wenig später wurden mir von ihr Beleidigungen hinterhergerufen, weil ich nicht spenden wollte. Dass ich jedoch zu dem Zeitpunkt bereits seit mehreren Jahren aktiv bei der Freiwilligen Feuerwehr ehrenamtlich tätig war, war ihr jedoch nicht bekannt – sie hat nur gesehen, dass ich nicht für arme Tiere spenden wollte. Auch die allso beliebten XXL-Restaurants meide ich, weil ich es einfach eine Sauerei finde diese unnötigen Massen auf den Tisch zu stellen, die kein Körper braucht und auch nicht essen sollte und im Anschluss weggeworfen werden, während nicht nur in fremden Ländern, sondern auch in Deutschland Kinder hungern müssen.

Ich will mich hier gar nicht rechtfertigen, warum ich auch in naher Zukunft bei Primark, H&M, Kik und Co. einkaufen gehen werde. Ich finde es nur wichtig, dass all jene, die den Zeigefinger ganz schnell ganz weit oben haben, erst das Köpfchen einschalten und dann reden. Meckert nicht nur, sondern diskutiert auch mal! Nur weil ein Unternehmen Greenwashing oder Bluewashing für sich entdeckt hat, ist es nicht automatisch auch gut – es hat nur die gesetzlichen Vorgaben erfüllt für die Öffentlichkeit als Wohltäter dazustehen und keinen Prozentpunkt mehr.

Es sollte jeder für sich selbst entscheiden, wo er Prioritäten setzt
Wo kann ich mit meinen Mitteln zumindest einen Teil bewirken? Habe ich vielleicht noch andere Möglichkeiten? Bin ich überhaupt ein gutes Beispiel oder eher ein Heuchler, wenn ich andere angreife?

Warum sind für mich nicht alle Ausbeutungen in Dritte Welt Ländern gleich viel wert? Welchen gesunden Grund gibt es ein Unternehmen zu unterstützen, das systematisch aus Profitgier Wehrlosen Lebensgrundlagen nimmt und ein anderes zu verteufeln, das nach westlichem Verständis moralisch verwerflich Lebensgrundlagen bietet. Warum ist das Unternehmen mit dem besseren Ruf, aber identisch miserablen Arbeitsbedingungen besser, als ein anderes? Wieso sind Tierversuche akzeptabel und Wanderarbeiter ein Skandal? Warum ist Ausbeutung und die Unterstützung miletantischer Gruppen für das Luxusgut Handy in Ordnung, aber schlechte Arbeitsbedingungen für das Grundbedürfnis Kleidung verwerflich? Ist Umweltschutz jetzt gänzlich out? Ist ‚Fair Treat‘ in der Gesellschaft nicht auch schon etwas wert?

Diese und viele andere Fragen müssen wir uns stellen und für uns beantworten, wo wir ansetzen. Jeder muss für sich persönlich Entscheidungen treffen und solange er irgendwo anfängt, hat er schon etwas richtig gemacht! Und entsprechend der persönlichen Möglichkeiten, kann man dann darauf aufbauen.

5 Gedanken zu “{Styling} Wie man sich ganz schnell unbeliebt machen kann

  1. Mich hatte der Kommentar damals auch geärgert, fand es um so besser, dass du darauf nicht reagiert hast…. und nun so…. Daumen hoch…
    Wer kann denn als Normalbürger noch alles nachverfolgen, auch gute Marken lassen billig produziert.
    Und mal ehrlich, wir haben in unsrer „Kleinstadt“ nicht die große Auswahl an Läden. Und wenn wir bewusst Klamotten kaufen fahren würden, belasten wir doch auch wieder die Umwelt mit unseren Abgasen?!?!

    Der erhobene Zeigefinger hier regt mich genauso auf, wie die tierlieben Hundebesitzer, die ihrem Rassehund ständig das Eiter aus den Augen wischen müssen und das arme Tier nur so vor sich hin röchelt, weil es irgendwer mal so gezüchtet hat. Ich nenne das Tierquälerei…..

    Ansonsten ganz liebe Grüße
    die Chefin a.D.
    PS: …… und du hast doch abgenommen 😄

    • Ich hatte geantwortet, mit der Hoffnung es würde vielleicht eine Reaktion kommen – entsprechend: wer meckert muss auch diskutieren, aber soweit kommt es ja nie.. ich lass doch sowas nicht einfach stehen😀

      PS: …ich werde es wohl hinnehmen müssen, denn ich höre das sehr oft in letzter zeit – also dankeschön😉

  2. Wie kannst du nur – eine Sport BH für 8 Euro, nicht fair und nachhaltig???🙂 ACHTUNG Ironie. Ich finde deinen Post wahnsinnig toll und schön geschrieben. Ja, auch ich mache mir immer mehr Gedanken um faire und nachhaltige Mode, habe darüber auch schon auf meinem Blog geschrieben. Aber es geht eben auch nicht alles von einem auf den anderen Tag, schon gar nicht, wenn man nicht das nötige Kleingeld hat. Aber so lange man sich Gedanken macht und sich informiert und nach und nach ein paar Dinge umstellt ist doch alles gut. Ich habe zum Beispiel dieses extreme „Kaufrausch“ Shopping bei Primar und Co. eingestellt. Hauptsache einpacken, weil günstig und dann quillt zuhause der Kleiderschrank über und man trägt die Sachen kaum. Das möchte ich in Zukunft vermeiden und mir mehr Gedanken darüber machen was in meinen Kleiderschrank wandert.
    Ich werde jetzt mal mit dem philosophieren aufhören und weiter auf deinem Blog stöbern. Würde mich freuen, wenn du auch mal bei mir vorbei schaust.
    Liebste Grüße
    Steffi

    http://steffi-worthreading.blogspot.de

    • Genau Steffi, das ist es was ich meine – einfach jeder mit seinen Mitteln und die Überlegung „Brauche ich das jetzt wirklich?“ ist schon ein großer Anfang.
      Der BH hat übrigens 1A gehalten beim Sport😉

      Ich werde gleich mal schauen – der Name Worthreading ist ja schon mal aussagekräftig😀

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