{Lifestyle} Buchreview: Der Nachtwandler – Sebastian Fitzek

Jeder von uns kennt das Gefühl nicht zwischen Traum und Realität unterscheiden zu können. Kurze Zeit ist man sich nicht sicher, wo man ist. Man fragt sich, ob das gerade wirklich passiert ist oder nur geträumt. Wer ist das neben mir und wie spät ist es eigentlich?

Ein kurzer verwirrter Zustand, der nur wenige Sekunden anhält und nach vollständigem Erwachen wieder verschwindet. Doch nicht jeder kann sich aus dieser Zwischenebene zwischen Schlaf und Wachzustand problemlos befreien und ist gefangen zwischen einer Mischung aus Unsicherheit, Angst und Verwirrtheit.

DerNachtwandler

Die Story

Leon ist einer jener, der zwischen Traum und Realität eine weitere Ebene betritt und als Schlafwandler bereits in Kindertagen in professioneller Behandlung war. Nach dem Tod seiner Eltern schien er seinen Pflegebruder in der Nacht verletzen zu wollen und erst seine neuen Pflegeeltern wollten dem auf den Grund gehen und schickten ihm zu einem Psychiater, Dr. Volwahrt. Dieser untersuchte mittels Kamera die Nachtaktivität seines Patienten.

Jahre später scheint Leons Erwachsenenwelt in Ordnung. Frisch verheiratet zieht der Architekt in ein für ihn höchst interessantes Haus. Sein Leben erhält jedoch einen Schlag als seine Frau mitten in der Nacht, scheinbar schwer verletzt, übereilt wirkend ihre Sachen packt und aus der Wohnung stürmt. Leon kann sich nicht erklären, was passiert sein soll und versucht sie zu erreichen – vergebens.

Seine Ängste, wieder nachtaktiv und dabei eine Gefahr für seine Frau geworden zu sein, erhärten sich, als er in der Mikrowelle geschmolzene Schuhe findet – etwas, dass er schon als Kind im Schlaf getan hat. Er beschließt sich wie damals mit einer Kamera ausgestattet selbst in der Nacht zu beobachten, um herauszufinden, was er tut und warum seine Frau ihn verlassen hat.

Die Kamera offenbart ihm eine andere Welt, in der Leon scheinbar zu einem anderen Menschen wird. Die Architektur des Hauses bietet ihm scheinbar die Möglichkeit einer zweiten Realität, in der seine dunkle Nachwandlerpersönlichkeit voyeuristische und sadistische Gelüste auszuleben vermag.

Hat seine Frau zu viel davon gesehen und aus Angst vor ihm ihre Sachen gepackt und die Wohnung verlassen oder ist sie gar nicht weg und die Realität nicht wie sie zu sein scheint?

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Ich, der Nachtwandler

In der Danksagung berichtet Fitzek von seinen eigenen Nachtaktivitäten und auch mir sind sie nicht fremd. Vor einigen Jahren fragte mich mein Vater, warum ich nachts um zwei aufstehe um ihm extra gute Nacht zu sagen und wieder ins Bett zu gehen. Meine Mutter fragte mich mal eines Morgens warum ich sie mitten in der Nacht um Taschentücher bitte. Beide bemerkten nicht, dass ich schlafe. Während meiner Lehrzeit kam ich öfter zu spät, weil ich des nachts meinen Wecker unterhatte. In der Schulzeit brachte ich es auch fertig nachts das Zimmer umzudekorieren und dem Wecker einen neuen Platz zu geben. Ich spreche deutlich und bewege mich sicher durch meine Unordnung; bediene technische Geräte und weiß am nächsten Morgen nichts mehr davon – nur eine unerklärliche Müdigkeit nach vermeindlich acht Stunden Schlaf bleibt und zeigt an, dass die Nacht wohl doch nicht so ruhig war.

Es kommt nicht oft vor, bzw. ist ja niemand mehr hier, der bemerkt, wenn ich nachts aktiv bin. Ich selbst bemerke es nur, wenn wieder irgendetwas anders ist als noch am Abend vorher. Fitzeks Figur versucht auf authentische Art seiner Nachtaktivität auf den Grund zu gehen. Wir alle würden versuchen mit irgendwelchen Mitteln herauszufinden, was wir wann gemacht haben. Doch was, wenn wir selbst Angst davor haben das Ergebnis zu sehen?

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Einschläfernd oder Aufrüttelnd

Das Buch schafft es in fast jeder Sekunde den Leser bei sich zu behalten und ihn zum Weiterlesen zu animieren. Was  macht Leon? Wohin geht er? Hat er das wirklich getan? Man entwickelt eine Bindung zu dem sensibel wirkenden jungen Mann, dem man selbst keine Gräueltaten zumuten kann und wartet darauf, endlich zu erfahren, ob sich alles um ein Missverständnis handelt und zum Guten wenden wird. Oder, man wartet darauf überrascht zu werden und sich in  ihm getäuscht zu haben.

Die Aufklärung überrascht den Leser tatsächlich, schwächt für mich den Spannungsbogen, der stetig steigend von Fitzek aufgebaut wurde, jedoch zu schnell und plump ab. Es entsteht eine „Echt jetzt? Hätte es da nicht etwas kreativeres geben können?“-Situation, in der ich geneigt bin, das Buch erst einmal wieder wegzulegen. Das Ende ist grundsätzlich schlüssig; diese Konstellation ist mir bereits aus anderen Büchern bekannt und irgendwie enttäuschte es mich eben daher. Die Geschichte um Leon und das Schicksal seiner Frau ist rund, wirkt jedoch am Ende wie der typische 08/15 Psychothriller, der einfach irgendwann zum Ende kommen muss und ein kleines Happy End brauchte.

Hierbei handelt es sich jedoch eher um Jammern auf hohem Niveau. Wem diese Wendung aus anderen Büchern noch unbekannt ist, wird vom Ende durchaus überrascht sein, auch wenn es für mich etwas schneller hätte auf den Punkt kommen können.

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Fazit

Im Gesamten ist dieses Buch absolut empfehlendswert. Es liest sich flüssig, verständlich und unterhaltend. Fitzek schafft es durch seinen Schreibstil und die zahlreichen Cliffhanger jeglicher Langeweile den Garaus zumachen und beispielweise lange Zugfahrten oder verregnete Herbstnachmittage im Nu vergehen zu lassen.

Wer selbst Schlafwandler ist, wird sich an einigen Stellen wiedererkennen und an anderen Stellen hoffen, Fiktion bleibt immer Fiktion.

Ich wäre sehr gespannt, wie eine Verfilmung umgesetzt würde und hoffe auf einen kreativen und psychotischen Regisseur, der sich dem Projekt annimmt.

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