{Sonntagskolumne} Sehen und gesehen werden

Neulich fing sie wieder an: die Weihnachtsmarktsaison! Mein Chef fragte mich, ob ich in meiner Heimatstadt gehe und ich so: „Hm, nööö!“

Weit gefehlt. Natürlich. Alleine schon für den guten weißen Glühwein am Winzerstand.. und weil Vaddi zahlt. Bis es Zeit ist Auszugehen, kann man sich ja ruhig auf dem Weihnachtsmarkt den Bauch vollschlagen. Die schließen ja schließlich gegen zehn.

Nun ist der Weihnachtsmarkt hier nicht vergleichbar mit den großen in Berlin. Wir haben einen Marktplatz und eine Burg mit Burghof; da tummelt sich dann gefühlt die ganze Kleinstadt inklusive umliegender Dörfer. Positiv: wir können entspannt hinlaufen und uns so alle auch entspannt volllaufen lassen. So eine Kleinstadt hat jedoch auch ihre Tücken.

Wer denkt, einfach hin, gucken, Glühwein, Bratwurst, zurück hat das Kleinstadtleben noch nicht verstanden. Auf dem Weg hin trifft man schon die ein oder anderen bekannten Gesichter. In der letzten Wochen waren wir mit Madame C. und Göttergatte im Nachbardorf und er regte sich darüber auf, wie lange Madame alle paar Meter brauchte, um sich zu unterhalten. Männer machen das ganz anders: Nicken, „Tag“ sagen und evtl. einen Handschlag, dann schnell weiter. Eigentlich läuft das aber ganz anders: Sehen, winken, begrüßen und die Ereignisse seit dem letzten Treffen auswerten. Das ist ggf. auf dem letztjährigen Weihnachtsmarkt gewesen. Noch schnell den neusten Tratsch breittreten und auswerten, wen man schon alles getroffen hat und an welchem Stand der Glühwein am besten schmeckt und dann weiter.

Wir sahen also Menschen, die sehe ich das ganze Jahr über nicht sehe und hörten Geschichten, die ich das ganze Jahr über nicht hören musste. Die für mich eigentlich wichtige Info ist lediglich, wo der Glühwein schmeckt und bei dem ein oder anderen mal den Punsch kosten zu können.

Und dann wendet sich der aktuelle Klatsch in Hyperklatsch, weil man Dinge sieht, die einen wirklich überraschen. Und das ist gar nicht mal so einfach in der Kleinstadt. Wer hält denn da Händchen? Ist das seine Neue? Ach das ist seine Frau? Bist du sicher? Und wollten die da nicht eigentlich den Laden schließen? Ach, was.. Krebs? Waren die nicht sonst auch immer hier? Und so weiter.. da behandelt man ganze Lebensgeschichten ganzer Dynastien innerhalb kurzer Zeit.

Dann noch eine kalte Bratwurst, die ohnehin nicht schmeckt und auf dem Weg nach Hause noch kurz eine Extrarunde zum Weihnachtsbeleuchtungscheck der Nachbarschaft. Same procedure as every year..

 

2 Gedanken zu “{Sonntagskolumne} Sehen und gesehen werden

  1. Ach ja, wieder mal schön geschrieben und wie gleich es doch überall ist… ich persönlich habe für mich entdeckt: die wirklich leckere Saumagenbratwurst, den heißen Hugo und wenn man tatsächlich noch Autofahren muss, heißen Apfelsaft mit Zimtstange. Aber das mit dem Klatsch und Tratsch stimmt auch. Bei uns ist es aktuell: wer hat noch nicht, wer will nochmal (Kinder). Und das mit der längeren Aufenthaltsdauer auf Grund eines großen Bekanntenkreis ist ebenfalls bestens bekannt. Wobei ich es eher mit der Männer-Methode halte, einmal winken, wahlweise zunicken und gut.
    Liebe Grüße, Katha

    • Haha so bin ich auch; freundlich grüßen und schnell weiter, außer es sind wirklich Freunde von mir – wenn man so das ganze Jahr nicht miteinander redet, muss es da auch nicht sein😀 Heißen Apfelglühwein gab es bei uns auch, aber ich habe dann doch den Apfel-Rosen-Punsch genommen😀
      Hoffe, du hattest einen fleißigen Nikolaus!

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