{Lifestyle} Das Mädchen mit der Schere

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Ich scrolle so durch Instagram und sehe dieses Bild von Meg Gaiger. Ein Mädchen sitzt mit einem Foto auf dem Schoß, abgebildet ein Model, sie hält ihre Bauchrolle in der Hand und setzt die Schere an. Und ich denke daran, dass ich erst zwei Tage vorher wieder an eben dieses Bild denken musste. Ich kannte es vorher nicht. Das Foto. Aber das Motiv kenne ich gut. Seit Jahren schon sitzt es mir im Kopf und kommt immer wieder; wie ein Traum, der uns regelmäßig des Nachts einholt. Und ich dachte, das sei nur meine kleine kranke Phantasie – und offenbar gibt es noch andere damit.

Photo: Meg Gaiger

Ritsch Ratsch, Wampe ab!

Meine Phantasie ist jedoch ein wenig anders. Es ist keine Schere, sondern ein großes Messer. Meine Bauchgenetik ist grässlich und neben den Oberarmen gleich das größte Fettdepot. Schon immer ist er weit nach vorne ausladend und prall. Frühe stand er wenigstens noch; mittlerweile nagt der Zahn der Zeit an ihm und er hängt. Ich weiß nicht warum, aber ich habe oft, dass Männer beim Kuscheln oder beim Sex eben diese Fettrolle in der Hand halten und ich finde es schrecklich! Ich hasse es! Es gibt nur einen Grund diese Speckrolle in der Hand zu halten und das ist in eben jener Phantasie. Den Lappen fest in der Hand, das Messer an der Bauchfalte angesetzt und mit einem kräftigen Schnitt dieses überflüssige Stück Fett abgeschnitten. Einfach weg damit. Lieber eine riesen Narbe am Bauch als den Scheiß.

Ich will dich einfach nicht!

Ich bin fast schon krankhaft dabei Leuten auf den Bauch zu schauen. Ich verachte Menschen, die alles in sich hineinstopfen können, den letzten Sport in der 6. Klasse beim Völkerball gemacht haben und dennoch einen flachen Bauch haben – nicht, weil sie schlechte Menschen sind, sondern weil sie es einfach können und ich nicht. Noch schlimmer: dicke Frauen mit flachem Bauch. Da haben sie schon Übergewicht, schleppen unnötig viel Speck mit sich herum, futtern vielleicht auch noch ungesundes Zeug und dann haben die trotzdem einen flachen Bauch.

Und ich? Ich werde regelmäßig für schwanger gehalten, weil dieses runde Fettdepot sich vor mir herschiebt wie ein 6- oder 7-Monatsbauch. Da fragen mich Kundinnen in der Bank freudig, wann es denn so weit sei und ich muss ihnen erklären: Jute Frau, dit is nur Fett! Alte Damen stehen in der S-Bahn auf und wollen mir ihren Platz anbieten und vor allen Menschen in der vollen Bahn musst du ihnen dann irgendwie unauffällig klar machen, dass es einfach nur Hüftspeck ist, der nicht weiß, wo die Hüften sind und sie doch bitte sitzen bleiben soll.

Ich will gar nicht den durchtrainierten Bauch von Model Hastenichgesehen; ich will einfach nur diese Wampe nicht haben. Ich will nicht für schwanger gehalten werden. Ich will die Hosen beim Sport nicht einschnürend eng schnüren müssen, damit der weiche Bauch durch die Bewegungen nicht herauswabbelt. Ich will nicht auf Kleidung verzichten müssen, die ich gerne tragen würde, weil es einfach mit dem Bauch bescheuert aussieht.

Falsche Wunschbilder?

Ich würde zu einem perfekten Körper nicht nein sagen, aber ich strebe ihn nicht an. Das wäre absolut utopisch. Wer sich mal realistisch betrachtet, gerne stundenlang nackt vor dem Spiegel, sieht, wie er gebaut ist und wenn er darauf achtet, wie sich der Körper über die Jahre verändert, der weiß, was möglich ist und was nicht. Selbst der Arzt, der uns beim Abnehmen betreute, sagte damals zu mir: Mädchen, du wirst nie schlank sein! Guck dir deine Familie an, guck dir deinen Körperbau an; finde dich damit ab, dass du niemals in eine 36 passen wirst!

Und so kann ich immer nur mit dem Kopf schütteln, wenn schlanke Frauen sich auf Diät setzen. Aber ich kann sie auch verstehen, denn andere schütteln mit dem Kopf, wenn ich ihnen erkläre, dass ich mich eigentlich ziemlich geil finde, aber zu meinem Körper keinerlei Verhältnis habe und ihn nicht als Teil meiner Persönlichkeit oder überhaupt zu mir gehörig empfinde.

Ich will auch gar nicht in eine 36 passen oder eine 38. Ich hätte mit meiner 44/46 überhaupt kein Problem, wenn dieses Fass nicht an mir hängen würde.

Isso! Aus Gründen..

Aber das geht doch nicht! Ich kann sowas doch nicht sagen. Ich darf sowas doch nicht sagen! #Bodylove und #Bodypositive und #Selfconfidence und so! Und ob ich sowas sagen darf. Weil ich es über mich sage. Niemand kann mich dazu zwingen einen Teil an mir toll zu finden, nur weil ich ihn nicht verachten darf. Ich bin auch in keinster Weise der Meinung, dass die Unzufriedenheit mit einem bestimmten Körperteil negativ ist. Ich denke jedoch, dass ich der einzige Mensch bin, der das Recht hat, eben so von mir zu denken. Wer mit seinen Brüsten absolut unglücklich ist, weil zu klein, zu groß, zu unförmig.. ja verdammt, dann geh doch zum Chirurgen, wenn das dein großer Wunsch ist und pfeife drauf, ob deine Nachbarin das gut findet. Wer Segelohren hat, lässt sie doch auch anlegen. Störende Leberflecke werden auch rausgeschnitten. Eine ungeliebte Haarfarbe wird doch auch mit viel Chemie verändert. Nur, weil diese Eingriffe vergleichsweise leicht sind, sind sie doch nichts anderes! Und es gibt keinen Grund sich vor anderen Menschen dafür rechtfertigen zu müssen. Wer sein Aussehen durch Make Up, Haarfarbe, künstliche Nägel, etc. verändert hat meiner Meinung nach kein Recht auch nur ein klein wenig über andere zu urteilen, die statt der kleinen Vietnamesin mit Acryl einfach einen Chirurgen aufgesucht haben.

Ja, ich kann dieses ausladende Fettgewebe in meiner Körpermitte nicht ab und ich habe auch nicht vor mich damit abzufinden. Sich mit etwas abfinden ist keine Option; in keiner Lebenslage. Ihr solltet Euch niemals mit irgendetwas arrangieren, nur weil ihr es vermeintlich müsst. Ihr müsst im Leben nur scheißen und sterben und mehr nicht. Alles andere könnt ihr bewusst beeinflussen; manchmal mit viel Mühe, aber es geht. Wenn ihr nicht motiviert seid zu ändern was euch stört, stört es euch einfach nicht genug.

Ich hab mich trotzdem lieb. Aus verschiedenen Gründen. Ich bin schon ne Granate. Muss man sich auch einfach mal selbst eingestehen. Auf 1,73m gibt es schon noch ein bisschen mehr als nur ne Wampe, die sich bisher gegen jegliche Art von Diät und Sport zur Wehr gesetzt hat – aber ich kriege dich noch klein, du kleiner Bastard! Bei einigen Dingen hat es der Genetikgott gut mit mir gemeint und das darf man nicht ignorieren. Wer irgendetwas an sich nicht mag, sollte zum Ausgleich etwas finden, das er mag. Und das ist dann eher #Bodylove und #Bodypositive; trotz Fehler sich einfach mal selber geil finden. Denn, wenn ich mich schon nicht mag, warum sollte es dann ein anderer? #Selfconfidence ist eben nicht das Messer oder die Schere in die Hand zu nehmen und eine große Dummheit zu begehen. Das Bild Bild sein zu lassen, die Titten hochzuschnallen und der ungeliebten Stelle im Spiegel den Prachtarsch zuzudrehen.

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2 Gedanken zu “{Lifestyle} Das Mädchen mit der Schere

  1. Liebe Romy!
    Sehr gut geschrieben! Ich „leide“ mit dir😉 Jede Frau in jeder Größe ein Körperteil hat, dass ihr nicht gefällt.
    Bei mir sinds die Beine… richtige Krautstampfer.. abnehmen hin abnehmen her.. Krautstampfer bleiben Krautstampfer – Hosen oder Stiefel zu finden…. ein Graus… schlimmer als die Suche nach dem richtigen BH. Aber was soll ich mich ärgern, was ich nicht ändern kann? Kostet nur Nerven und gibt Falten in einem Teil meines Körpers, dass ich doch sehr gerne mag😉
    Zum Glück zählt aber das wunderbare Gesamtpaket😀 und hier hat wohl jede(r) eine Seite die richtig geil ist😀

    • Lieben Dank! Das Stiefelproblem kenne ich auch nur zugut.. 45cm und dabei ist noch nicht mal so viel Fett an den Waden.. sammelt sich ja im Bauch😀

      Ein schönes Wochenende!

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