{Lifestyle} Sport – Unterschätzt die Dicken nicht!

Dicke Menschen machen nie Sport, sie können es auch nicht und daher sind sportliche Menschen immer rank und schlank und Sportmuffel immer fett! (Weisheit eines Ignoranten)

Das ist genauso richtig wie: Kluge tragen alle Brille und Auf dem Land sind nur Dorftrottel. Einfaches Schubladendenken, oft von vorurteilsbehafteten Menschen, die keinerlei Kontakt mit der ihr ja so fernen Menschengruppe hatten. Vorurteile sind unser täglich Brot und so sehr wir uns wünschen würden frei davon zu sein, so utopisch ist dieser Wunsch. Es ist nicht möglich, machen wir uns nichts vor.

Sport und Dicke ist eine eigene Vorurteilszone und bereits als Kind bekommst du ganz bestimmte Sprüche immer und immer wieder zu hören und fragst dich, warum das so sein sollte.

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Erstes Übel – Schulsport

„Du bist doch ein starkes Mädchen!“
„Das musst du doch schaffen, so groß wie du bist!“ (Oberarmgekneife)
„Ein Mal und du bekommst eine 5!“

Sportlehrer sind des dicken Kindes größter Graus. Kinder können grausam sein, aber Sportlehrer sind wahrhaftig das letzte. Schulsport ist so professionell wie thailändisches Essen bestellen und behaupten, gekocht zu haben. Eine Liste mit Übungen und Anhaltspunkten, ab wann eine 1 erreicht wurde, sind des Sportlehrers einziges Hintergrundwissen. Da wird von einem Kind mit Übergewicht erwartet genauso viel zu schaffen, wie vom dünnen Hüpfer nebenan. Eine meiner liebsten Übungen war: Eine Bank wurde an der Sprossenwand in die obere Sprosse eingehangen und man sollte sich dann nach oben ziehen. Da ich nun breitere Oberarme hatte als die anderen Kinder, hießt das im Umkehrschluss der pädagogischen Logik, ich wäre auch viel stärker. Welcher geisteskranke Volltrottel denkt denn ernsthaft, dass ein Kind, nur weil es 20 Kilo mehr wiegt als die anderen, auch in der Lage ist in gleicher Weise dieses Gewicht nur mit seiner Armkraft diese Bank da hoch ziehen zu können? Wunder oh Wunder schaffte ich es nicht und erhielt natürlich eine motivierende 6.

Auch schön: Stufenbarren. Unsere Sportgeräte waren Anno 1604 und ein Mädchen, vielleicht 1,50m groß, dünn wie eine Spaghetti wurde vom Rettungswagen abgeholt, nachdem die Sprosse unter ihr brach und dann erwartet das Lehrerchen allen Ernstes, ich mit meinen damals 1,70 Meter und etwa 110 Kilo soll mich darüberschwingen?

Es gab natürlich noch weitere dieser typischen Lehrbuchübungen, derer ich mich verweigerte, bzw. sie nur teilweise ausführte. Natürlich weil ich viel zu dick bin – so die Logik des Lehrers, der versuchte, mich mit einer 5 statt einer 6 zu locken, wenn ich es doch wenigstens in gewisser Weise schaffe. Reiner Selbstschutz, nach meiner Logik. Mit diesem Übergewicht springe ich doch nicht vom Schwebebalken und versetze meinen Knöcheln einen Killerstoß! Ich bin doch nicht bescheuert und mache ungeübt einen Kopfstand und lasse mein Genick und die Wirbelsäule, die grundsätzlich ja noch nicht einmal für das Gewicht meines Kopfes gemacht sind 110 Kilo tragen!

Mit dem Vorführen und den Sprüchen direkt vor den anderen, tat Lehrer natürlich auch viel was die Wahrnehmung der anderen anging (Stichwort: Noch nach dem Außenseiter ins Team gewählt werden, auch wenn man gar nicht so schlecht in dem Spiel war). Nun hatte ich Mitschüler, die klüger waren als meine Sportlehrerin und beispielsweise auf dem Sportplatz, wenn sie schon mit ihrem 1.000 Meter-Lauf fertig waren, neben mir noch bis zum Ziel weiterliefen, auch wenn ich schon lange die Grenze für eine noch mögliche 5 hinter mir ließ und hätte aufgeben können. In Sachen Motivation waren sie eindeutig reifer. Meine Sportlehrerin guckt übrigens heute noch, 10 Jahre nach dem Abitur, verachtend zur Seite statt Guten Tag zu sagen, wenn ich sie grüße.

Zweites Übel – Sportverein

Natürlich könnte man eine Sportart so nebenbei machen. Volleyball, Fußball, Tanzen, Boxen.. was es nicht so alles für Sportvereine gibt. Die nehmen allerdings an Wettkämpfen teil und können schlechte Mitglieder jetzt nicht so gebrauchen. Du kannst es also versuchen und schauen, ob du in einen Verein gehen kannst, der dich trotz Wettkampfuntauglichkeit aufnimmt und mittrainieren lässt, obwohl es gerade bei Mannschaftsport grundsätzlich heißen würde, nicht mit den anderen mithalten zu können und Team für manche dann nicht auf alle zählt und sie ihren Unmut über deine Anwesenheit public machen oder ob du eine Sportart wählst, die du eigentlich gar nicht machen möchtest, aber sie die einzigen waren, die dich nicht ablehnen. Zum mentalen Selbstschutz wäre Sportverein eine Idee, die man streicht oder nur in Erwägung zieht, wenn man einen offenen und toleranten Verein gefunden hat.

Drittes Übel – Fitnessstudio

Wer abnehmen will und/oder sich fithalten möchte kommt um Sport nicht drum herum. Also rein in dieses Etablissement mit ausgebildeten Trainern, die dir helfen können, Gleichgesinnten Sportwilligen und den nötigen Gerätschaften. Aber Momentchen, rein da ist gar nicht so einfach. Da war doch was mit vorgeführt werden in der Kindheit und den sportlichen Leute, die mich nicht in ihrer Sportwelt wollen. Ich dickes Frauchen soll also in diese Hütte mit den selbstverliebten Fitnessfreaks gehen und bei Übungen halb sterben mit denen die sich aufwärmen? Diese Blöße soll ich mir ernsthaft geben?

Viertes Übel – Alleine Sport machen

Es gibt natürlich noch die Variante etwas Geld zu investieren und Zuhause Sport zu machen. Sich alleine motivieren, alleine Übungen ausführen, ohne Anleitung und jemanden der auf die korrekte Ausführung achtet. Einfach mal die Squat Challenge machen ohne zu wissen, wie man die eigentlich knieschonend ausführt und sich die Knie noch mehr zerdeppern, als es das Übergewicht schon tat? Ist eine Möglichkeit. Man könnte aber auch beginnen Walken oder Joggen zu gehen; unwissend, ob Joggen wirklich so gut ist ab einem gewissen Gewicht. Aber wird ja überall angepriesen, kann also nicht falsch sein. Dann sehen mich aber die Menschen, reden vielleicht und lachen, wenn ich nach 100 Metern schon die erste Pause machen muss. Verdammt, schon wieder diese Blößesituation.

Ultima Ratio

Dann eben keinen Sport.. aber, kein Sport ist auch keine Lösung. Es muss doch möglich sein, dass dicke Menschen auch Sport machen, ohne dabei demotiviert zu werden oder zu scheitern. Und natürlich geht es auch. Wer Sport machen möchte, der muss einfach über seinen Schamschatten springen und sich einfach trauen. Dann ist es eben kein Sportverein, wenn die mich nicht wollen. Aber Muckibude ist auch nicht Muckibude – weiß man aber erst, wenn man das eigene Vorurteil da mal zur Seite schiebt. Wir haben uns damals für einen Sportkurs entschieden und sind mit einem eher flauen Gefühl im Bauch ins Fitnessstudio gegangen. Nicht in der eigenen Stadt, sondern in der nächsten und auch nicht alleine, sondern zu dritt. Es war auch keine große Kette, sondern ein kleines Studio. Wir fanden uns also wieder in familiärer Atmosphäre, umringt von Menschen aller Fitnessstufen und fanden einen Kurs, den wir gerne immer wieder besuchten. Jackpot! Sind die wohl doch gar nicht alle so doof und oberflächlich wie gedacht.

Work it!

Erst wer auch was macht, wird fitter und kann andere überraschen. Irgendwann gab es mal eine Zeit in der ich jeden Tag im Fitnessstudio war, teils mehrere Stunden (jetzt noch mehrmals die Woche) und ungläubige Blicke erntete, wenn ich es erzählte. Kann ja nicht sein, ich bin ja dick, ich trinke da bestimmt nur Kaffee. Regelmäßig gibt es mal einen neuen Kurs und vor etwa einem Jahr startete ein Body Workout Kurs. Ich schrieb mich für die erste Stunde ein und ein paar Minuten vorher kam der Trainer zu mir und flüsterte mir ins Ohr „Sicher? Das ist kein Zumba!“. Na sicher sicher! Ich zog also durch, überraschte und erntete ein Lob „Das hätte ich nicht gedacht!“.

Tja, unterschätz mal die Dicken nicht! Wenn wir etwas gefunden haben und man uns lässt können wir genauso gut in den Sportarten werden, wie alle anderen auch. Wir brauchen vielleicht etwas länger, aber es ist nicht unmöglich! Sportlichkeit hat mit der Figur nichts zu tun. Während die kleinen skinny fat Mäuschen nach einer halben Stunde neben mir schon keuchend den Kurs verlassen, kann ich noch und dabei würde ich bei der Unsportlichkeitgegenüberstellung gegen die Mäuschen jederzeit verlieren.

Traut Euch!

Der innere Schweinehund und die eigene Scham stehen dem Wunsch auch Sport zu machen oft im Wege wie Marquardt den Berliner Partyjüngern. Es gibt jedoch keinen Grund die beiden nicht zu bestechen um hineingelassen zu werden. Gute Sportvereine nehmen Euch auf! Fitnessstudios sind nicht immer Muckibuden und es gibt keinen Grund sie zu meiden, weil man sich schämt – Ihr habt dort alle das gleiche Ziel und das verbindet. Wer lieber alleine Laufen gehen möchte, sollte in ein oder zwei Stunden mit einem Trainer investieren um zumindest wichtige Grundlagen zu lernen. Probiert Euch aus und findet die Sportart, die Euch Spaß macht. Es gibt sie! Auf alle Fälle.

Werft Euch ins Sportoutfit, in den Badeanzug oder schnürt die Wanderstiefel, geht raus und macht den Sport, den Ihr machen wollt und scherrt Euch einen Dreck darum, was andere über Euch denken. Die haben auch mal unsportlich angefangen – immer im Hinterkopf behalten, manche vergessen es selbst.

Zeigt den Zweiflern, dass auch Dicke sportlich sein können und sie uns keinesfalls unterschätzen sollten!

 

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2 Gedanken zu “{Lifestyle} Sport – Unterschätzt die Dicken nicht!

  1. Ich bin auch der Meinung, Sportlichkeit kann man nicht von der Figur abhängig machen. Ich zum Beispiel, bin vielleicht nicht dick, aber sportlich? Sicher nicht. Ich hab immer das Gefühl zu hypersensibleren nach ner halben Stunde Sport… 😂
    Und ich bin ehrlich: meine Motivation für Sport hält meistens drei Tage.

    Und Sportunterricht ist eh immer so ne Sache für sich. Ich war bei Sachen wie Ballsportarten und turnen gut, schwimmen konnte ich dann zum Beispiel vergessen, weil ich es einfach gehasst hab. Und warum soll ich in der 12. klasse mit den Jungs Rugby spielen? Es ist n under, dass ich das überlebt habe.

    • Ihr habt Rugby gespielt?? Das kreativste was wir hatten zwar Völkerball! Erst in der Berufsschule hatten wir einen coolen Lehrer der Yoga und neue Spiele mit uns gemacht hat aber leider hatte ich vielleicht fünf oder sechs Mal Sport in der gesamten Lehre.. Der war aber auch kein Sportlehrer sondern ausgesonderter Bundeswehroffizier.. Den fand ich gut und da hat es auch echt Spaß gemacht! Ansonsten waren wir in der Schule immer getrennt im Sport.

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