{Lifestyle} Max Rhode – Die Blutschule – Wenn deine Heimat zum Tatort wird..

Meine Kollegin gab mir am letzten Arbeitstag vor Ostern ein Buch, dass sie gerade gelesen hatte. Ein Thriller von Max Rhode (Sebastian Fitzek). Es war an sich gar nicht unbedingt die Handlung, die sie dazu bewog, mir das Buch zu geben, sondern vielmehr der Ort, den sich Fitzek ausgesucht hat.

Die Blutschule“ spielt hier, bei mir.

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Die Story

Ein Vater zieht mit seiner Familie aus der Hauptstadt in die brandenburger Ödnis. Er hat das Haus seines Vaters hergerichtet und möchte nun mit seinen beiden Söhnen und der Ehefrau am Storkower See leben. Die Söhne Simon (13) und Mark (14) sind wenig begeistert und geraten ziemlich schnell mit der Dorfjugend aneinander.

Nicht nur, dass sie im Wald leben und Begrüßungsprügel einstecken mussten, nebenan wohnt auch noch der Dorfpädophile, welcher dem Polizisten der Gegend ohnehin ein Dorn im Auge ist. Doch gerade mit dem geht es nicht mit rechten Dingen zu und die Jungen lassen sich von ihm in sein Baumhaus locken. Dort erzählt er ihnen von der Sage, die den Storkower See umgibt.

Ein Spiegel, der die Seelen verdreht, soll sich auf dem Grund befunden haben und die Bewohner beeinflussen. Gut wird zu Böse und Böse zu Gut; die Unsterblichkeit gibt es als Zugabe.

Nachdem der Vater der Jungen einem Mädchen nach dem Ertrinken das Leben gerettet hat, scheint er von eben jener Kraft befallen und nimmt seine Söhne mehr unter Zwang als freiwillig mit auf eine Insel im See. Es wird Zeit ihnen Dinge beizubringen, die sie in der Schule nicht gelehrt bekommen, aber dem Vater nach notwendig sind. Eingerichtet wie ein Klassenzimmer steht die Holzhütte auf der Insel und bietet dem Vater Unterrichtsraum und Verließ zugleich.

Die Jungen müssen das Töten lernen und er wird es ihnen beibringen.

***

Mein See und seine Opfer

Die Geschichte spielt 1993, im Jahr meiner Einschulung, doch auch noch klein, erinnere ich mich an einiges aus dieser Zeit. Fitzek macht einige kleine Fehler, die die Story aber weniger beeinflussen – er war halt ’93 nicht hier, woher soll er es also wissen und der Großteil der Leserschaft weiß es demnach ja auch nicht.

Veröffentlicht 2015, scheint Fitzek seine Inspiration aus den jüngsten Ereignissen der Stadtgeschichte gezogen zu haben. 2014 wurde in eben jener Ferienhaussiedlung am See, die er beschreibt, ein Mann entführt und hinter einem Boot bis zu einer kleinen Insel im See gezogen, dort gefangen gehalten und konnte fliehen – ähnlich der Jungen aus dem Buch. Der Fall des „Maskenmannes“ lief nicht nur durch die regionalen Medien, sondern erweckte große Aufmerksamkeit und rückte die Gegend und den See in ein etwas unidyllischeres Licht, als es vorher war.

Doch noch mehr aus dieser Zeit finde ich in der Geschichte wieder: Ich erinnere mich, dass es mir als Kind vorkam, als würde der See jeden Sommer mehr Opfer fordern. Kein Sommer verging ohne die Meldung, dass wieder jemand in der Strömung, die viele unterschätzten, ertrank. Dazu wurden wir von Muttern immer angehalten wachsam zu sein; „Nehmt nichts von Fremden und geht mit niemandem mit!“, denn in der DDR unbekannt, häuften sich die Meldungen von entführten und missbrauchten Kindern in der Gegend. Vermisst gemeldet, später tot aufgefunden, vergewaltigt. (Bekannt natürlich, aber was nicht sein darf, das ist nicht; sowas brachte erst der Westen.) Und auch vor den zwielichtigen Gestalten, die im Sommer in den Wäldern hier wohnen, wurde man gewarnt – nicht jede Bude im ehemaligen Schützengraben oder ein Bretterverschlag im Unterholz sollte als neues Spielzimmer auserwählt werden – du weißt nie, ob sie wiederkommen und ob sie sich freuen dich zu sehen.

Zugezogene Kinder aus Berlin hielten sich für was besseres oder man dachte sie täten es; wozu also freundlich aufnehmen, integrieren oder Ernst nehmen? Schöne Opfer für die Dorfgang sind sie auf jeden Fall erst einmal.

***

Fazit

Die Geschichte ist sehr kurzweilig; ich habe das Buch in ein paar Stunden durchgelesen – das kann der Fitzek! Nach den Erzählungen meiner Kollegen war ich etwas enttäuscht von der Geschichte – vielleicht bin ich auch einfach schon abgebrühter was die Brutalität in Romanen angeht. Mangeln tut es der Geschichte nicht, hätte für mich aber etwas ausgebaut werden können. Er erwähnt wie grausam die Handlungen sind, beschreibt sie aber nicht; sie waren einfach da. Man kann sagen es solle der Phantasie überlassen bleiben, aber ich bin dann doch eher der Typ des angewiderten Blickes, weil meine Phanatsie dann wohl doch nicht soweit gereicht hätte.

Es ist komisch solch eine Geschichte im eigenen Heimatort zu lesen, mit Orten, die man selbst im Alter der Jungen besucht hat, mit Figuren, die man durchaus so mal vor sich hatte und Details, die (ich glaube eher zufällig) tatsächlich so auf das Leben hier passen. Wir haben beim ersten Durchblättern bei der Arbeit schon gelacht, weil natürlich Namen meiner Kollegen benutzt wurden und ich weiß schon, wen ich damit aufziehen kann, welche Figur er abbekommen hat.

Andererseits ist es auch ab und zu ein bisschen ärgerlich, wie die Bewohner dargestellt werden – wie sie sich ein arroganter Großstadtschnösel in der Einöde halt vorstellt und wie es die Langbewohner immer wieder ärgert, wenn man ihnen dieses „Bauernklischee“ vorhält. Aber eben dort muss man differenzieren: Es ist ein Roman, eine Geschichte. Die spielt zwar vor deiner Haustür, mit Figuren, die du so wiedererkennst, aber sie sind eben doch Fiktion.

Und das ist auch das beruhigende an der Geschichte: Es ist Fiktion, auch wenn meine Kollegin gerade ein etwas mulmigeres Gefühl hat, bei dem Gedanken daran, dass eben so ein Mensch hier durch die Wälder streifen könnte und gerne recherchieren möchte wo diese Insel denn nun genau ist.

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