{Traveling} Budapest – Warum Alleinreisende nie einsam sind

Ich habe eine Schwäche für osteuropäische Städte, muss ich gestehen. Irgendwie faszinieren sie mich. Ohne das zwanghafte Totmodernisieren können sie noch mit Charme aufwarten – ich hoffe, das bleibt auch noch eine Weile so. Ich bin nun gerade aus Ungarns schöner Hauptstadt Budapest zurück und nutze die Gelegenheit gleich aus, um auf die immer wiederkehrende Frage zu antworten: „Alleine?“ – Ja, alleine. Es wird ja nicht leichter Menschen dazu zu begeistern spontan mal drei Schlüppi einzupacken und sich für ein paar Tage aus ihrem gewohnten Dunstkreis herauszubewegen. Glücklicherweise geht es jedoch vielen so – und die gilt es dann einfach zu finden.

Falken – Diebe – Jamie Foxx

Ich landete sehr früh in Budapest und keine Stunde da, erlebte ich schon den ersten, nennen wir ihn sympathischen Augenblick: Ein riesengroßer Falke fuhr im Bus vom Flughafen bis zur Metro mit. Auf dem Arm seines Falkners saß er dort und sorgte für interessierte Blicke der Mitreisenden – so oft sieht man diese eigentlich wilden Tiere ja auch nicht so nahe – und schon gar nicht im Bus. Angekommen Mittwochmorgen führte mich mein erster Weg in ein Café – ausgesucht hatte ich eine Art Hipstercafé nach Emfehlungen, gefunden habe ich es dank der schlechten Karte auf der Homepage allerdings nicht. Ich hatte beschlossen die paar Tage nur mit WiFi zu beschreiten und keine SIM-Karte zu kaufen; dementsprechend auch ohne Google Maps unterwegs. Letztendlich zog mich ein Café in einer kleinen Seitenstraße an – Marcella by Yum-Yum hieß es und stellte sich als ein Paleo-Café heraus. Fazit: Paleo herzhaft „Go!“ – Paleo süß „No!“. Ich hatte mich in dem Café mit einer Kanadierin getroffen, welche uns auch schon zu Beginn zum ersten Tipp für Solo-Reisende bringt:

Couchsurfing und Join My Trip. Vielen ist diese Homepage/App Couchsurfing nur als kostenfreie Variante für Übernachtungen bekannt, doch das Netzwerk kann noch mehr! Bei Couchsurfing habt Ihr die Möglichkeit zu sehen, wer sich in Eurer Nähe befindet. Entweder schreibt Ihr die Personen direkt an, wenn die Profile Euch sympathisch erscheinen oder Ihr nutzt in der App die Hangouts. Hier tragt Ihr einfach ein, worauf Ihr gerade Lust habt – zum Biespiel „Auf ein Bier“ oder „Die Stadt erkunden“ und schon können andere mit den gleichen Interessen dem Hangout beitreten. Gerade wenn es an die Abendplanung geht finden sich hier oft spontan kleine Grüppchen, die dann einen Treffpunkt ausmachen und sich zusammen ins Nachtleben einer fremden Stadt stürzen. Auch Einheimische nutzend die Gelegenheit gerne. Auf Join My Trip ist das Prinzip ähnlich – wer ist zur gleichen Zeit in der Nähe, bzw. möchte mitkommen? Eine kurze Anzeige schalten oder beantworten und schon findet man einen Kontakt.

Canada-Kat und ich liefen den tagüber ein wenig in der Stadt herum und schauten uns alles grob an. Dabei erlebten wir schon eine der wahrscheinlich unangenehmsten Begrüßungen – man versuchte uns zu beklauen. Wir fanden einen 1.000 HUF-Schein auf dem Boden und keine drei Meter weiter sprang ein Mann aus dem Busch und wollte mich (ich hatte den Schein ja in der Hand) unbedingt umarmen. „Antanzmasche“ heißt das. Doof für ihn, dass ich eigentlich nie Geldbörsen benutze und dementsprechend diese auch nicht herausholte um den Schein einzustecken. Es gab also nichts zu greifen und umarmen lassen wollte ich mich von ihm auch nicht; so konnte er auch nicht in die Jackentasche fassen. Das ist für ihn zwar dumm gelaufen, doch wir haben uns von seinem Lockmittel ein paar Getränke spendiert. Nach etwa 18 Kilometern an diesem Tag und vielen Stunden auf den Beinen fand der Tag nach einem gar nicht mal so guten ungarischen Dinner sein Ende. Am nächsten Morgen warteten ja meine neuen Kurzzeit-Vermieter auf mich.

Ich hatte mir ein Zimmer bei Airbnb rausgesucht und mich bewusst gegen ein Hostel oder Hotel in Budapest entschieden. Ein Ziel meiner Reisen in letzter und nächster Zeit ist es ja auch, einen Platz zu finden, an dem ich die nächsten Jahre bleiben würde und das geht am besten, indem man so gut wie möglich versucht in der Stadt „zu leben“ wie es die kurze Zeit hergibt. Das Apartment war klasse und genau die richtige Wahl. Am Donnerstag konnte ich von hieraus einen Rundgang durch die Nachbarschaft machen und mir die tollen Altbauten anschauen sowie mich mit den markanten Punkten und Haltestellen vertraut machen – irgendwie muss ich mich ja ohne Google Maps orientieren. Außerdem musste ich den mit Alkohol gut gefüllten Kühlschrank nach einem Besuch in einer der historischen Markthallen gleich nebenan mit Nahrung füllen und die nächste Verabredung ausmachen.

Da mein Dinnerdate ein zwiebelintoleranter Italiener war und die ungarische Küche zu 99% aus Zwiebeln besteht, ging es für uns in ein italienisches Restaurant – sehr gut übrigens; wenn Ihr in Budapest seid und Lust auf eine wirkliche gute Pizza habt: Akademia Italia. Nicht nur, dass wir hervorragend gegessen haben, draußen empfing uns dann auch noch eine hysterische junge Dame nebst Freund und jubelte als wären wir Stars. Leider jubelte sie nicht uns zu, sondern Jamie Foxx der hinter uns ins Auto stieg, aber hey.. immerhin.

Auch der Italiener hatte sich eine kleine Wohnung via Airbnb gemietet und so durfte ich nach dem Essen noch einen Blick in eines der tollen großen Häuser neben dem Parlament werfen mit Blick auf selbiges und die Donau sowie Buda bei Nacht.. und feststellen, dass meine Wohnung schöner ist, wenn auch ohne diesen Ausblick. Für abendliche Dates bietet sich Tipp zwei sehr gut an, wenn auch nicht für jeden etwas und ggf. mit etwas Geduld verbunden:

Datingapps. Es gibt diverse und jeder kennt sicher mindestens eine. Dabei sucht dort nicht zwingend jeder nach einer schnellen Nummer – mit etwas Menschenkenntnis finden sich auch Kandidaten denen ein Abendessen oder ein Kaffee genügt und wer sagt denn, dass, wenn man Single ist, nicht auch in anderen Städten auf die Suche gehen kann (wofür auch immer ist ja jedem selbst überlassen).

Lebendiges und junges Pest

Freitag und Samstag widmete ich mich meinem „Heimatstadtteil“ Pest. In Bagan hatte ich einen Ungar kenneglernt, der in Budapest lebt, also musste der auch besucht werden. Wir trafen uns auf einen Kaffee, bevor er für das Wochenende in sein Heimatdorf fuhr (schade eigentlich..). Am geschichtsträchtigen Astoria zeigte er mir seine ehemalige Uni und ein kleines verstecktes Hinterhofcafé in dem gerade ein angehender Dirigent mittels Laptop ein Stück einstudierte. Es dauerte eine Weile bis wir herausgefunden hatten, warum er so wild mit den Armen fuchtelt. Gerne hätte ich ihm die Kopfhörer abgenommen um mir mal das Stück anzuhören – alleine vom Zusehen muss es etwas sehr kraftvolles, energisches und doch wieder an einigen Stellen entspanntes Musikstück gewesen sein; so wie Pest.

Mittels Couchsurfing-Hangout schloss ich mich für Abend einer kleinen Gruppe an; bestehend aus einer super süßen Polin, zwei sehr sympathischen Franzosen, einem coolen Kanadier und einer hübschen Ungarin. Wir gingen in die touristischste Location der ganzen Stadt, in die sich so gut wie kein Einheimischer, dafür aber Unmengen an Touristen verirren: das Szimpla Kert. Ein zurecht gehypter Ort, an dem rund um die Uhr etwas los ist – tagsüber verschiedene Events wie Bauernmärkte und abends Kern der Partyszene. Da ich gar nicht mitbekommen hatte, dass kurz nachdem ich in das jüdische Viertel gefahren bin die Schienen der Straßenbahn erneuert wurden, wusste ich auch nicht, dass ich den ganzen Weg zurück laufen müsste – Vodka sei Dank war es mir aber auch ziemlich Wurscht.

Ich bin ein Fan von Free Tours – viele Städte haben diese Touren im Angebot, bei denen Einzelpersonen oder Vereine auf Trinkgeldbasis durch ihre Stadt führen. Wir hatten schon in Bratislava eine Tour mitgemacht und auch die Rollertour in Bagan war eine solche. In Budapest entschied ich mich für die Jüdische Tour, da gerade die Geschichte der Juden in Ungarn ein wichtiger Teil der Stadtgeschichte ist, während der Italiener die Kommunismustour wählte. Meine Tour endete, oh Wunder, im Szimpla, wo es mich dann am Abend mit einem Amerikaner wieder hinzog – insb. auf den kleinen Streetfoodmarkt daneben. Damit wären wir auch schon bei Tipp Nummer drei, wie man als Alleinreisender Leute kennenlernt:

Freie Touren. In der Regel sind die Teilnehmer selbst junge Alleinreisende oder kleine Gruppen von zwei, höchsten drei Leuten, die offen und neugierig sind. Man kommt schnell ins Gespräch und es ist einfach danach zusammen etwas Trinken oder Essen zu gehen. Wie dynamisch die Gruppe am Ende ist hängt natürlich auch immer vom Tourführer und den einzelnen Teilnehmern ab. In Bagan funktionierte die Gruppenbildung hervorragend (daher auch die Bekanntschaft zu dem Ungar von weiter oben), dieses Mal in Budapest war es leider etwas verhaltener – das muss man dann selbst ausloten.

Konservatives und schmerzhaftes Buda

Mit seinem herrlichen Wetter lud der Stadtteil auf der anderen Seite der Donau geradezu zu einer Entdeckungstour ein und so machte ich mich auf den Weg. In meinem Apartment fand ich außer viel Alkohol auch viele Reiseführer – ich packte mir zwei davon ein (dieser und diesen) und machte mich auf den Weg zum Frühstück mit einem jungen Ägypter, der derzeit in Wien lebt und an den Wochenenden die Nachbarstädte bereist. Nachdem er sich auf den Weg zurück nach Wien machte, bewegte ich mich langsam Richtung Brücke. Erst hatte ich überlegt mir auch für diese Besichtigung jemanden an die Seite zu nehmen, doch ich entschied mich dann doch dazu alleine zu bleiben – auch das kann seine Vorteile haben; obwohl mich das Schicksal später noch daran erinnern sollte, wie klein die Welt eigentlich ist.

Ich kam auf dem Weg zu einem Museum am Labirintus vorbei – einer Mischung aus Wachsfigurenkabinett und Labyrinth im Budaberg und entschied mich, mir die kleine Touristenfalle anzuschauen. Die kleine Tourifalle war aber wider Erwarten sehr unterhaltsam – besonders der dunkle Teil hat mir gefallen, in dem man sich komplett auf seine Sinne, außer dem Sehsinn, verlassen muss.

Besonders süß fand ich danach allerdings das Alchemie Museum – ein Musterstück. Man stelle sich folgende Szene vor: Das kleine alte Haus (übrigens die erste Apotheke Budapests) mit seiner alten grünen Holztür, die beim Öffnen furchtbar laut knarrt und quietscht. Dahinter sitzt ein vermutlich ebenso alter Ungar, der in mehreren Sprachen beginnt den Besucher zu fragen, ob er sich das Alchemie Museum anschauen möchte und über den Eintrittspreis und die Räumlichkeiten aufklärt (offenbar verirren sich nur selten Touristen hinein – schade eigentlich). Sobald man offenbar das Museum besichtigen möchte, erscheint eine ältere, leicht gekrümmt gehende Dame mit verrückter Frisur, die sehr an eine der Wachsfiguren aus dem Labyrinth erinnert und fragt in wiederum vielen Sprachen nach der eigenen Herkunft um einem dann einen Hefter mit Infomaterial in der Muttersprache in die Hand zu drücken. Dieses entält detaillierte Informationen zu den einzelnen Vitrinen (sehr gut übrigens). Ich ging also durch und als ich im zweiten Raum angelangt bin, knarrte diese grüne Tür und ließ ein österreichisches Pärchen hinein, welches der gleichen Prozedur unterworfen wurde. Ich machte derweil Fotos als der historische Kassierer sie darüber informierte, wieviel eine Fotoerlaubnis kostet – also schnell wieder weg mit dem Handy. Das Museum ist klein, aber sehr hübsch und sollte viel mehr Beachtung finden.

Danach spazierte ich zurück zur Burg und als ich mich gerade fragte, zu welchem Verein die deutsche Volkslieder singende Meute vor den Burgtoren gehört, steht eine ehemalige Kommilitonin vor mir, die mit im Auslandssemster in China war. Tipp vier ist demnach eher eine Glückssache, passiert aber immer wieder, denn auch die Kanadierin traf eine ihrer Kundinnen in Budapest als wir unterwegs waren:

Augen auf! Schaut Euch um, seid wachsam und neugierig – immer wieder passiert es Leuten, dass sie zufällig bekannte Gesichter irgendwo auf der Welt treffen. Das war für mich auch nicht das erste Mal. Was bietet sich dann also in dieser Situation an, als sich einfach gemeinsam die Stadt anzuschauen oder sich zumindest zum Abendessen oder auf einen Drink zu treffen.

Mein letztes Teilstück war danach dann aber das anstrengenste mit den größten Souveniers: der Aufstieg auf den Gellert-Berg. Absolut zu empfehlen, solange man vorher nicht schon herumgelaufen ist und sich auf dem Berg auch nicht verirrt. Etwa vier Stunden habe ich es geschafft dort herumzukrachseln, was mir tierisch Fußschmerzen und Blasen einbrachte. Dafür, dass ich aktuell wie eine Ente durch die Welt watschel und von meinem Bruder am Flughafen zutiefst ausgelacht wurde, war es der Ausblick vom Gipfel des Berges durchaus wert! Wer es sich selbst beweisen möchte oder zu viel Energie hat, kann den Aufstieg in einem Zug angehen, alle anderen können regelmäßig in den kleinen Sitzecken Halt machen und die Aussicht genießen.

Wäre ich nicht so spontan nach Budapest gereist, hätte es der Ungar auch einrichten können mich zu begleiten. Hier bietet sich der letzte Tipp an, wie man als Solo Traveler nicht immer solo sein muss:

Kontakt halten. Habt Ihr Kontakt zu Leuten, die woanders wohnen? Perfekt. Viele Reisende halten die Kontakte zu den Bekanntschaften, die sie unterwegs kennengelernt haben und nutzen ihre Reiseziele dann, um sich mit den Leuten wiederzutreffen. Weißt du also nicht, wohin es als nächstes gehen soll, kennst aber jemanden, der irgendwo wohnt, wo du eh schon einmal hin wolltest oder was interessant klingt? Nimm Kontakt auf und los geht’s!

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