{Traveling} Iran – Teil 2: Aufgeben ist keine​ Option

Die erste Nacht unter dem Sternenhimmel über Yazd war kühler als erwartet und auch unruhig. Als ich aufstand war mein Travelbuddy bereits ausgehfein und signalisierte mir er wolle nun aufbrechen. Ich, Morgenmensch wie ich bin, sah dazu noch keine Notwendigkeit und er war nicht bereit mir eine Stunde zum Wachwerden zu geben. Er machte sich an diesem Tag auf den einen Weg und ich mich später auf den anderen.



Yazd ist in seiner Kernstadt noch mit dem alten Lehmbautenlabyrinth erhalten und schon die ersten Schritte hier gaben mir das Gefühl endlich im Iran zu sein. So sollte das aussehen. Es gibt an den Wänden Wegweiser, die den Touristen die Möglichkeit geben ganz individuell ihre Route durch die Stadt zu suchen – trotz Labyrinth ist das Verlaufen nicht nur dank der Wegweiser unmöglich, auch die über die Stadt ragenden Minarette zeigen jederzeit einen Ausweg.

Deutschland stellt hier mit 30% den größten Teil der Touristen und so ist es ganz einfach sich in die Nähe einer beliebigen Reisegruppe zu stellen und mitzulauschen was der Guide so zu erzählen weiß. Ich traf auf meiner kleinen Route auf Amir, ein junger Statistiker, der mich ein Stück begleitete und selbst einiges zu berichten wusste. Wie auch in Shiraz, gibt es in Yazd einen Heiligen Schrein mit Spiegelsaal. Er fand, ich müsse mir den unbedingt anschauen – doch dürfte ich überhaupt rein? In Shiraz war an der Tür für uns Nichtmuslime Schluss. Wir würden es einfach mal probiere, beschloss Amir und schon stand ich in diesem großen hellen Saal mit aufwendigem Spiegel-Mosaik an jeder Wand. Den Blicken der betenden Herren nach war mir wohl doch kein Zutritt gestattet; durch Amir an meiner Seite sagte jedoch niemand etwas und ich konnte mich kurz umschauen.

Zurück im Hostel kam dann auch der Mitreisende von seiner Tour und eröffnete mir, dass er so nicht reisen könne. Er macht​ nur sein Ding und will gar nicht auf andere achten – jetzt weiß er das also auch. Für mich bedeutete seine Entscheidung allerdings, dass ich die restlichen 1.5 Wochen alleine durch ein Land reisen muss, das ich aus guten Gründen eben mit einem männlichen Begleiter bereisen wollte.

Ich beschloss am späten Nachmittag noch die Gärten anschauen zu wollen und machte mich abermals, dieses Mal mit Google Maps gemeinsam auf ins Labyrinth – und durfte relativ schnell erfahren, dass ich kaum eine dümmere Entscheidung hätte treffen können. Schon nach kurzer Zeit fingen die Männer an mich mit ihren Motorrädern zu umkreisen. Einer stieg sogar aus dem Auto aus um mir zu folgen, wieder andere fragten ganz deutlich nach Sex oder fassten auch mal zu. Einen von ihnen wurde ich partout nicht los. Ich versuchte ihn anzusprechen um herauszufinden, was er wolle oder ob er vielleicht sogar auf mich aufzupassen versucht –  leider kann kaum einer Englisch und so verlief dieses Gespräch ohne Ergebnis. Ich suchte den schnellsten Weg auf der Karte zum nächsten gut besuchten Platz in der Gegend – was immerhin eine halbe Stunde dauerte und sah dort ein Pärchen aus dem Hostel. Mittlerweile hatte er sein Motorrad irgendwo abgestellt und lief neben mir. Ich fragte die beiden, ob ich mich ein Weilchen zu ihnen stellen dürfte und erklärte ihnen die Situation. Nachdem ich ihnen meinen neuen „Freund“ zeigte, verschwand er auch endlich ein paar Minuten später. Die Gärten in Yazd sah ich nicht mehr.

Am nächsten Morgen war das Bett neben mir leer und vom Reisefeind keine Spur mehr. Ich fragte im Hostel nach den Bussen nach Isfahan und ein Pärchen, dass ohnehin in die Richtung müsse würde mich mitnehmen. Ich hätte jedoch auch mit einer kleinen Familie aus Bayern mitfahren können – ich war mit Yazd jedoch erst einmal fertig und wollte den schnellsten Weg Richtung Isfahan einschlagen. Im Auto erzählte ich der jungen Perserin vom Vorabend und sie bestand darauf zurück zum Hostel zu fahren und die Polizei zu rufen. Als naturblonde und blasse Iranerin passiert ihr das täglich – sie lebt damit, doch bei Touristinnen muss es sofort zur Anzeige gebracht werden – das Land will aktiv dagegen vorgehen und ich hätte schon am Abend etwas sagen müssen. Nachdem der Polizist die Anzeige aufgenommen hatte und der Herr von der extra eingerichten Touristenpolizei mich ermahnt hatte, selbst einheimische Frauen gehen zu dieser Zeit nicht mehr durch diese​ Straßen und schon gar nicht alleine, konnten wir endlich aufbrechen.

Yazd selbst ist toll und das Hostel eines der besten in denen ich auf allen Reisen war; es ist schade, dass auch diese Stadt Teil meiner Pechsträhne sein musste. Vielleicht sehen wir uns wieder.

Ich hatte darüber nachgedacht nach Hause zu fahren. Ich hatte seit Tagen nicht geschlafen, ich wurde in einem Land alleine gelassen, in dem ich nicht alleine sein wollte und das nicht genügend Backpacker hergibt um sich einfach so woanders Gesellschaft zu suchen. Ich wurde belästigt und ich hatte noch mehr als eine Woche vor mir – meine Nerven waren im Keller. Doch gleichzeitig ist alles so spannend und ich treffe immer wieder auf diese Gastfreundschaft, von der alle schwärmen. Zudem gibt es noch so vieles zu sehen. Ich würde dem Iran zutiefst Unrecht tun, aus einer Pechsträhne heraus aufzugeben und abzureisen.

Isfahan sollte einen neuen Start einleuten. Ich hatte mir via Couchsurfing einen Schlafplatz organisiert und das iranische Pärchen brachte mich zur angegebenen Adresse. Leider meldete sich keiner der Gastgeber und wir beschlossen etwas zu essen. Leider sind Restaurants Mangelware, Fast Food jedoch ganz groß und so landeten wir bei ‚Pizza Hut‚ – auch McDonald’s, Subway oder KFC haben hier kleine Schwestern, die mit dem Original jedoch nicht so sehr viel gemein haben. Nichtsdestotrotz war mein erster iranischer Hamburger unerwartet gut.


Später holte mich meine neue Gast-Mutti dort ab und ebenso einen jungen Italiener, wie auch noch einen Franzosen. Sie gibt regelmäßig iranische Kochkurse bei sich Zuhause und so fanden wir uns schnibbelnd und in verschiedenen Töpfen rührend in ihrer Küche wieder. Wir aßen sehr spät und nach einem kleinen Plausch mit ihrem Ehemann war es dann auch schon Zeit zu schlafen. Ein Pärchen aus Berlin war bereits im Schlafzimmer einquartiert und so bekamen der Italiener und ich das klassische Schlafgemach: der Perserteppich im Wohnzimmer wurde mit Matzatzen, dicken und dünnen Decken sowie Kissen hergerichtet und ähnelte sehr den Kisseburgen, die wir als Kinder immer gebaut hatten. In dieser Nacht schlief ich dort auf dem Boden mit Jacopo an meiner Seite endlich ein paar Stunden durch.

Zum Frühstück waren bereits die nächsten Gästen vor Ort. Sie nutzen die Elternzeit zum Reisen und so hat klein Amalia mit ihren 10 Monaten bereits einiges gesehen. Jacopo und ich machten uns auf die Stadt zu erkunden. Isfahan ist eine grüne und blühende Oase, die nie zu schlafen scheint und auch der meist ausgetrocknete Fluss führt aktuell wieder Wasser. Leider scheinen gerade alle Sehenswürdigkeiten unter Renovierung gestellt worden zu sein und so mussten wir uns für ein gutes Foto auch mal in abgesperrte Bereiche begeben und hoffen nur ermahnt und nicht gleich abgeführt zu werden.

Wir bezogen Abend unsere Hostel für die Nacht und bemerkten auf der Suche nach einem Abendessen wieder die Fast Food Vorliebe und endeten in einem Imbiss. Der Holländer, der uns begleitete, wollte mir ein gutes Taxi raussuchen, hat aber wohl selbst kein Händchen dafür. Der Taxifahrer fing nicht nur an mich überall hinzufahren, nur nicht Richtung Hostel, er war zudem auch noch ein Grabscher und der Meinung mich küssen zu wollen. Dafür überließ er mir die Entscheidung wie viel ich für die Fahrt zahlen möchte – verdient hat er an mir logischerweise nichts.

Der Italiener machte sich am nächsten Tag auf Richtung Yazd und ich blieb noch einen Tag länger. Ich schaute mir den Vierzigsäulenpalast an und unterhielt mich dort mit einer ebenfalls alleinreisenden Belgierin über eigentlich nur ein Thema: Und wie wirst du die Typen los? Nachdem man den Touristen den Zutritt zur Armenischen Kirche verwehrte, entschied ich mich mein Lunch auf die beeindruckende Si-o-seh pol zu verlegen. Die alte Backsteinbrücke zieht mit ihrer Parkanlage viele junge Leute zum Picknick und Flanieren an. Neben denen gestellten sich allerdings auch wieder die heiratswilligen jungen Iraner zu mir, bei denen mir so langsam der Geduldsfaden für eine freundliche Abfuhr reißt.

Da Isfahan selbst zwar sehr schön ist, aber gar nicht so viele Sehenswürdigkeiten vorweisen kann, werde ich mich auf den weiteren Weg machen. Wahrscheinlich wartet ein Bett in der Wüste schon sehnsüchtig auf mich. Unweit von Isfahan befindet sich die Varzanehwüste mit einem Gasthaus und Gastgeber, der mir sehr empfohlen wurde. Die nächste Mission lautet also: Finde Mohammad in der Varzanehwüste.

[Teil 3]

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