{Traveling} Iran – Teil 4: Sex, Drugs und Gangsterrap

Wie ist das Kleinstadtleben im Iran eigentlich so – ähnlich wie in Deutschland​ oder durch die iranische Gesetzgebung doch ganz sittig? Mein nächster Couchsurfinghost wohnte in einer kleinen Stadt zwischen Isfahan und Kashan und die Abrede war: Nimm den Bus nach Kashan, rufe mich an und ich sage dem Busfahrer wo er dich auf dem Highway aussteigen lassen soll. Und so besorgte ich mir ein Ticket, gab dem Kerl, der das Gepäck verstaut, das Handy und hoffe darauf auf halbem Weg nach Kashan einfach ausgesetzt zu werden. 



Der Busfahrer sah am vereinbarten Ort zunächst kein Auto und wollte nicht anhalten – hier lässt er mich nicht einfach so aussteigen. Mal ausnahmsweise kein weißes Auto und somit auch nicht sofort im Einheitsbeige der Wüste auszumachen, warteten mein Host und sein Cousin auf mich. Wäre es ein gelber Pickup gewesen, hätte es auch gut der Pussywagon sein können. Doch die Herren waren mehr in Gangsterrap als Tarantino. 50Cent durch die Boxen dröhnend ging es durch die Straßen nach Hause. Dieser Typ ist hier vollkommen fehl am Platz. Groß und breit, tätowierter Atheist und mit einem Slang ausgestattet, der sein Idol Tupac mehr als stolz gemacht hätte. Das dürften zwei sehr chillige Nächte werden. Und so war es auch. 

Was willst du in Badrud, da ist doch nix los – bleib doch einfach bei uns?!“ – schallte es mir in Varzaneh entgegen. Aber in Badrud gab es etwas, dass es in Varzaneh nicht gab, sogerne ich dort geblieben wäre. Schnaps. Ich war irgendwie das ganze Benehmen, alkoholfreie Pullerbier und Hijab selbst zum aufs Klo gehen leid und er hatte sich Zuhause ein kleines Outlaw geschaffen. Ein paar Tage ausruhen. Bis Mittag schlafen, den wahrscheinlich schönsten Heiligen Schrein im Iran anschauen und den Rest der Zeit, schlechtem Wetter geschuldet, Zuhause rumhängen, Filme gucken, Schwarzmarktschnaps trinken und von seiner Mutter sehr gut bekochen lassen. Da ist es auch in Ordnung mal nichts zu sehen. Wer reist, sollte sich auch eine kurze Auszeit gönnen, sonst ist der ganze Spaß doch viel zu anstrengend.

Ich plante eigentlich eine Nacht in Kashan zu verbringen, doch sowohl er als auch einer seiner Studenten überzeugten mich, dass ein​ paar Stunden dort auch genügen. Der Student schaut bei Instagram immer, wen sein Lehrer gerade so beherbergt und lädt die Gäste dann nach Kashan ein – er will Touristenguide werden und so lässt es sich doch herrlich üben. Bevor ich alleine durch die Stadt laufe, nehme ich mir doch lieber einen Insider an die Seite – auch um jemanden an der Seite zu haben; wir erinnern uns.

Er zeigte mir also die Must-Sees der Stadt, doch interessanter für mich war eigentlich unser Gespräch. Der Lehrer war zwar offen, aber keine Plaudertasche. Sein Student dagegen umso redseliger. Ich fand also heraus, dass seine Meinung über iranische Mädchen nicht die beste ist: zu künstlich (plastische Chirurgie boomt), zu bitchy und zu dünn sind sie ihm auch. Das kleine Nebengeschäft als Tourguide ist dagegen ein Dosenöffner bei den Touristinnen – wenn sie ihn wollen, ist er jederzeit bereit. Hat man sich geeinigt, müssen die Teilzeitverliebten nur ein Hotel finden und ab geht die Post. Interessehalber checkte er auch mal den aktuellen Kurs für Alkohol auf dem Schwarzmarkt für mich. Vodka und Whisky sind derzeit verfügbar; der Preis doppelt so teuer wie im deutschen Supermarkt. Das überraschte mich; ich rechnete mit mehr. Für iranische Einkommen sind die Preise allerdings enorm.


Auf dem Weg zum Busbahnhof hielt der Taxifahrer mitten im Kreisverkehr. Der Bus auf der anderen Straßenseite fährt nach Teheran, den könne ich nehmen. So schnell konnte ich gar nicht gucken, war mein Rucksack aus dem Kofferraum auch schon verstaut. Der Bus sammelte auf dem Weg aus der Stadt noch andere Mitfahrende am Straßenrand ein und machte sich tatsächlich auf den Weg nach Teheran. Das war doch mal einfach. Wir passierten diese wunderschönen bunt gestreiften Berge und ich überlegte kurz, ob er wohl mal für ein Foto anhalten würde. Da aber auch hier das Wetter nicht sonderlich forotauglich war, blieb ich lieber sitzen und dachte über diese ganz andere Seite im so religiösen und sitthaften Iran nach, die mir diese beiden Outlaws präsentierten. Nicht nur, dass unser Bild über das Land und seine Einwohner ziemlich falsch ist, sollte es tatsächlich so extrem falsch sein?

[Teil 5]

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